Manchmal hilft nur noch die Lupe, um zweifelsfrei zu bestimmen, welche Pflanze da wächst. (Foto: Jochen Bettzieche/SLF)
Die Pflanzenwelt der Alpen verändert sich: Arten wandern in höhere Lagen, neue Pflanzen tauchen auf, andere verschwinden. Im Projekt „Flora Raetica“ untersucht das Institut für Schnee- und Lawinenforschung (SLF) der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) gemeinsam mit Partnerorganisationen und mit Hilfe von freiwilligen Citizen Scientists, wie der Klimawandel die Pflanzenvielfalt in Graubünden verändert – und vergleicht die heutigen Funde mit fast 100 Jahre alten Aufzeichnungen.
„Da haben wir das Borstgras“, sagt Christian Rixen, „und hier das Alpenruchgras, das ist verantwortlich für den guten Geruch von Heu.“ Er hält die Pflanze in der Hand. Die Wurzel verströmt einen leichten Duft von Terpentin. Weiter unten am Hang grasen Kühe. Ihre Glocken bimmeln an diesem Mittwochmorgen im August. Die Sonne schiebt sich langsam über den Grat. Ein heißer Tag steht bevor. Aber Rixen hat nur Augen für die Pflanzenwelt um ihn herum: „Oh, ein Berghahnenfuß, der ist hier seit drei Jahren nicht mehr gemeldet worden, und die Krummsegge dort seit 13 Jahren nicht mehr, und das Alpenleinkraut, das hatten wir hier noch nie.“
Rixen ist Botaniker am SLF – und an diesem Vormittag voll in seinem Element. Er ist Co-Leiter des Projekts Flora Raetica. Anfang der 1930er-Jahre hatten die beiden Botaniker Josias Braun-Blanquet und Eduard Rübel die Pflanzenwelt Graubündens dokumentiert. Rixen untersucht im Rahmen des Projekts, welche Arten seitdem neu hinzugekommen sind, welche verschwunden sind und wie sich die Vorkommen regional verschoben haben.
Überraschung in der Höhe
Dafür ist er heute unterhalb des Jatzhorns bei Davos unterwegs. Dort, zwischen 2.400 und 2.500 m ü. M., liegt eines der 1.104 Blitzquadrate des Projekts. So nennt er Flächen von hundert auf hundert Metern, in denen Mitarbeitende des Projekts ein- bis dreimal nachsehen, welche Pflanzenarten dort wachsen. Rixen zeigt auf grüne Blätter am Boden und erklärt die Vorgehensweise: „Man geht hin und schreibt alles auf, was man findet, und um ein Beispiel zu nennen, hier der punktierte Enzian.“ Wobei aufschreiben es nicht ganz trifft. Eigentlich geben Rixen und Ingrid Jansen, die Koordinatorin des Projekts, die ihn heute begleitet, ihre Funde in eine App auf einem Smartphone ein. Von Blitzquadrat zu Blitzquadrat unterscheidet sich die Artenvielfalt teils erheblich, je nach Lage und Zahl der Lebensräume. Hier, am Berg, wechseln sich Grünflächen und Fels ab. An anderen Stellen in Graubünden liegt vielleicht Schutt, oder ein Bach schlängelt sich durch das Gebiet.
Bei 2.520 m ü. M. bleibt Rixen stehen. Eine kleine Fichte hat hier oben Wurzeln geschlagen, zwar nur zehn bis zwanzig Zentimeter hoch, aber immerhin. „Für Fichten sind Lagen oberhalb von 2.500 Metern schon hoch“, sagt Rixen. Schon bei 2.450 m ü. M. hatten ihn drei Lärchen überrascht. Die in Folge des Klimawandels immer wärmeren Sommer haben dazu geführt, dass die Waldgrenze in den vergangenen fünfzig Jahren um rund 400 Höhenmeter gestiegen ist, erklärt der Wissenschafter: „Die Bäume hinken aber hinterher, und darum ist es interessant, wenn wir weiter oben einzelne Exemplare finden.“
Früher Herbst
Der Klimawandel macht sich bemerkbar. Durch den Vergleich mit den historischen Daten können Forschende vergleichen, in welchen Höhenlagen bestimmte Pflanzen vor fast hundert Jahren vorkamen, welche nach oben wandern und ob nachrückende Konkurrenz sie in tieferen Lagen vertreibt. „Wir sehen bei 2.500 Pflanzenarten, wo sie früher waren und wo sie heute sind“, sagt Rixen. Nicht alle profitieren, wenn es wärmer wird. Viele Pflanzen benötigen eine bestimmte Summe an Wärme über das Jahr. Ist es heiß, wie in diesem Sommer, können sie das nicht nutzen. Für sie beginnt der Herbst früher. Rixen atmet tief ein: „Das riecht man hier schon, dieser Baldrianduft, der ist typisch, wenn sich Blätter zersetzen.“
Kein Citizen Scientist muss alle Pflanzen kennen
Nicht alle, die bei Flora Raetica mitmachen, besitzen so tiefe Detailkenntnisse. Es ist ein typisches Citizen-Scientist-Projekt. Bei solchen Projekten unterstützen Bürgerinnen und Bürger als Freiwillige aktiv die Arbeit der Forschenden. Mitmachen kann folglich jede und jeder, wenngleich botanisches Grundwissen hilfreich ist. Kein Citizen Scientist muss aber alle Pflanzen kennen. Die App [JB1.1]InfoFlora unterstützt und hilft, wenn es darum geht, die Pflanzen korrekt zu bestimmen. „Viele kommen erstmal auf eine Probetour mit uns, dann sehen sie schon, ob sie Spaß daran haben“, sagt Rixen. Wer dabei bleibt, nimmt an etwas größerem Teil. Denn Flora Raetica ist eingebettet in Infoflora, ein Projekt, das die Arten in der ganzen Schweiz anschaut.
Auch muss nicht jeder pflichtbewusst die Blitzquadrate in seiner Nähe untersuchen. Es muss nicht mal ein Blitzquadrat sein, weniger aufwändige Tätigkeiten sind ebenfalls eine unerlässliche und wertvolle Hilfe. Alle Citizen Scientists können frei wählen, wie stark sie sich in das Projekt einbringen. „Es gibt auch Einzelmissionen, beispielsweise eine seltene Erdbeerart an der Hohen Promenade in Davos“, beschreibt Rixen einen anderen Missionstyp. Oder die Suche nach Arten, die auf der roten Liste stehen und vom Aussterben bedroht sind.
Gegen Viertel vor drei sind Rixen und Jansen fertig mit ihrem Blitzquadrat. Der Botaniker tippt auf seinem Smartphone herum: „Wir schicken jetzt unseren Missionsbericht ab, der ist dann morgen schon im System.“ Letzte erfasste Pflanze: um 14.42 Uhr, Soldanella pusilla, ein kleines Alpenglöckchen.
Weitere Informationen:
Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL
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