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Forschungserkenntnisse für eine gerechtere Energiewende

Foto von Solarpaneelen im Vordergrund, die Sonnenlicht reflektieren, während im Hintergrund Hochspannungsleitungen und Strommasten vor einem klaren blauen Himmel verlaufen.

Hindernisse für die Teilhabe einkommensschwacher Haushalte entstehen auf mehreren Ebenen. (Foto: Simon Kraus – Fotolia.com)

Ein internationales Forschungsteam um Hannah Hoehnke und Dr. Moritz Wussow vom Climate Action Research Lab (CARL) der Universität Freiburg sowie Dr. Chad Zanocco von der Stanford University hat in einer wissenschaftlichen Übersichtsarbeit untersucht, welche strukturellen Barrieren einkommensschwache und benachteiligte Haushalte daran hindern, von Förderprogrammen für die Energiewende zu profitieren. Dafür werteten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler systematisch Forschungsarbeiten zur Förderung grüner Technologien aus.

Der Artikel identifiziert drei Ebenen, auf denen Hindernisse entstehen: auf individueller, kommunaler und institutioneller Ebene. „Individuell bestehen häufig Anreizprobleme zwischen Mieter*innen und Vermieter*innen und es fehlt an Wissen über Finanzierungsmöglichkeiten oder am Zugang zu Krediten und Förderprogrammen. Auf kommunaler Ebene erschweren unter anderem unzureichende Infrastruktur und Falschinformationen, die in strukturschwachen Regionen besonders verbreitet sind, die Teilhabe. Institutionell bremsen überbordende Bürokratie sowie historisch gewachsene Ungleichbehandlungen eine gerechte Beteiligung aus“, so Wussow.

„Viele gut gemeinte Förderprogramme verschärfen bestehende Ungleichheiten, anstatt sie zu verringern“, sagt Hoehnke. „Steuervergünstigungen kommen Haushalten ohne Steuerschuld gar nicht zugute. Netzentgelte werden auf alle Verbraucher*innen umgelegt – also auch auf jene, die sich keine eigene Anlage leisten können. Und komplexe Antragsverfahren, zum Beispiel für Photovoltaik-Förderungen, schrecken genau diejenigen ab, die am dringendsten Unterstützung bräuchten.“

Vier Prinzipien für bessere Förderpolitik

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler leiten aus ihrer Analyse vier Gestaltungsprinzipien für eine gerechte Energiepolitik ab:

  1. Barrieresensible Mechanismen: Förderprogramme müssen gezielt auf die spezifischen Hindernisse benachteiligter Gruppen zugeschnitten sein – etwa durch einkommensbasierte oder geografische Förderung statt universeller Ansätze.

  2. Sofortige finanzielle Entlastung: Einkommensschwache Haushalte gewichten künftige Ersparnisse deutlich schwächer als kurzfristige Ausgaben. Einmalzuschüsse oder direkte Preisnachlässe beim Kauf grüner Technologien wie Solaranlagen wirken daher deutlich effektiver als verzögerte Steuergutschriften.

  3. Administrative Vereinfachung: Bürokratische Hürden müssen reduziert werden, zum Beispiel durch automatisierte Genehmigungsverfahren oder systematische Unterstützung bei Anträgen durch Handwerksbetriebe.

  4. Gemeindezentrierte Umsetzung: Programme, die auf lokale Bedürfnisse zugeschnitten sind und die Bürgerinnen und Bürger in Entscheidungsprozesse aktiv einbinden, erzielen gerechtere Ergebnisse.

Neue Wege: gemeinschaftsorientierte Ansätze und Spillover-Effekte

Neben der Reform bestehender Förderinstrumente plädieren die Forschenden für eine gemeinschaftsorientierte Perspektive auf die Energiewende. Investitionen in Solaranlagen auf öffentlichen Gebäuden, in Ladeinfrastruktur für Elektroautos oder in kommunale Energiegemeinschaften erzeugen durch ihre Sichtbarkeit Aufmerksamkeit, und können das Interesse von Bürgerinnen und Bürgern an sauberen Technologien wecken. Zudem können konkrete Ansätze wie gemeinschaftliche Solarprojekte in ländlichen Regionen strukturelle Zugangsbarrieren überwinden, die einzelne Haushalte allein nicht bewältigen können. „Gerechtigkeit und Klimaschutz sind keine konkurrierenden Ziele – sie bedingen einander. Ohne breite Beteiligung über alle Einkommensgruppen hinweg werden wir die Klimaziele nicht erreichen“, betont Hoehnke.

Neue Maßstäbe für die Erfolgsmessung

Die Autorinnen und Autoren fordern auch einen Kurswechsel in der Erfolgsmessung von Förderprogrammen: Statt allein die Anzahl von Neuinstallationen und -zulassungen zu messen, sollten Programme zusätzlich nach Gerechtigkeitskriterien bewertet werden – zum Beispiel danach, ob sie Haushalte über alle Einkommensgruppen hinweg erreichen und ob Energiekosten für benachteiligte Gruppen sinken. Nur so lässt sich sicherstellen, dass Kosteneffizienz und Gerechtigkeit gleichzeitig verfolgt werden.

Publikation: 
Hoehnke H., Wussow M. et al. (2026): Structural Barriers and Policy Pathways for a Just Clean Energy Transition. Nature Reviews Clean Technology. DOI: 10.1038/s44359-026-00157-2

Albert-Ludwigs-Universität Freiburg im Breisgau

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