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Artenverlust in Agrarlandschaft des hessischen Mittelgebirges

Quelle/Bild: © Senckenberg. Bauernhof in Feldatal (Vogelsberg) im Jahr 1950...

Hans Hupke (1888 – 1976) würde man heute einen „Citizen Scientist“ oder Bürgerwissenschaftler nennen: Der „Hobby“botaniker hat in seinem Leben etwa 130 000 Pflanzen aus ganz Europa zusammengetragen und wissenschaftlich archiviert. Besonders umfassend hat er rund um seinen Heimatort Feldatal im hessischen Mittelgebirge Vogelsberg gesammelt. Der Botaniker Dressler und seine Kollegen vom Senckenberg Forschungsinstitut in Frankfurt haben diese Sammlungen aus der Zeit zwischen 1946 und 1975 nun genutzt, um die Veränderungen der Vegetation in diesem Gebiet des Vogelsbergs zu untersuchen. Dabei haben sie die alten Herbarbestände Hupkes, die 1977 Senckenberg vermacht wurden, mit eigenen Aufsammlungen im Jahr 2012 verglichen. Sie zeigen in ihrer Studie, dass sich die Artenzahl der um Feldatal heimischen Pflanzen vom Jahr 1975 bis 2012 um ein Viertel verringert hat. Hupke hat in seiner aktiven Zeit im Schnitt 683 verschiedene Pflanzenarten gesammelt, Dressler et al. konnten nur noch 497 Arten nachweisen.

Das Frankfurter Wissenschaftlerteam unterschied dabei vier Kategorien: Durch Hupke erfasste, im Jahr 2012 gefundene, nur durch Hupke gesammelte und nur 2012 nachgewiesene Pflanzen. So konnten Dressler et al. zeigen, welche Pflanzen in der Zeit verloren gingen und welche in diesem Gebiet neu hinzukamen: 219 Arten wurden nur von Hupke gesammelt, 33 nur von den Forschern.

Besorgniserregend ist für die Wissenschaftler nicht nur der generelle Artenverlust, sondern dass vor allem seltene und bedrohte Pflanzenarten wie Orchideen oder Sommerwurzgewächse vom Schwund betroffen sind. Die Anzahl der neuen, eingewanderten Pflanzen ist deutlich geringer als es beispielsweise aus Großstädten wie Frankfurt am Main bekannt ist. Die Hauptquelle für Neueinwanderungen sind in der ländlichen Gegend Gärten. Neben den verwilderten Gartenpflanzen breiten sich aber auch salztolerante Pflanzen an den Straßenrändern aus.

Quelle/Bild: © Senckenberg. ...und heute. 90 Prozent der landwirtschaftlichen Betriebe sind verschwunden – mit Ihnen einige Pflanzenarten.

Anders als in Großstädten liegt der Grund für den großen Biodiversitätsverlust rund um Feldatal nicht bei einem Bevölkerungswachstum. Vielmehr machen die Wissenschaftler eine Intensivierung der Landwirtschaft verantwortlich. Besonders Pflanzenarten, die auf Düngung empfindlich reagieren – wie beispielsweise die ganze Familie der Orchideen – seien verschwunden. Auch die Zahl der Begleitpflanzen des Ackerbaus ist stark zurückgegangen, zum Beispiel die Roggentrespe. Besonders überraschend war für die Wissenschaftler, dass auch typische Dorfpflanzen, wie der Gute Heinrich oder die Schwarznessel verschwunden sind. Die Botaniker erklären sich den Verlust der dörflichen Ruderalflora mit dem Rückgang landwirtschaftlicher Betriebe innerhalb der Dorfgemeinschaft – seit 1950 verschwanden in dem Vogelsberger Dorf 90 Prozent der wirtschaftenden Betriebe. Hinzu kommen zunehmende die Versiegelung sowie Flächenumnutzungen zu Freizeitgärten innerhalb der Siedlungen.

Der größte Faktor für den Biodiversitätsverlust bleibe aber die landwirtschaftliche Intensivierung – dies gilt sowohl für den Vogelsberg, als auch für andere Mittelgebirge in Deutschland und Europa. Die Wissenschafler empfehlen daher, dass Anstrengungen zum Erhalt der Artenvielfalt hier ansetzen.

 

Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseen

 


 

♦ Lesen Sie von Natur und Landschaft auch den Beitrag "Lebendiger Boden: die gemeinsame Basis von Landwirtschaft und Naturschutz" von Wilhelm u. Patzel in Heft 11-2016.

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