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Beweidung als kostengünstige Maßnahme gegen Feuer

Quelle/Bild: Rike/pixelio.

In vielen Teilen der Welt führen sozioökonomische Faktoren zu einer großflächigen Landflucht. Auch nomadische Praktiken und Weidewirtschaft gehen weltweit zurück. In der Folge wachsen Flächen allmählich mit Büschen und Bäumen zu. Brennbares Material häuft sich an, bewährte Feuerschneisen gehen verloren. Diese Prozesse führen zu einem höheren Risiko und einer größeren Intensität von Waldbränden. Diesem Risiko wird derzeit vor allem mit größeren Investitionen in die Brandbekämpfung begegnet. Dies kann zwar wirksam sein, um bereits ausgebrochene Waldbrände zu bekämpfen. Die vielversprechendere Strategie ist jedoch, intensive Waldbrände von vornherein zu vermeiden.

Forscherinnen und Forscher des Deutschen Zentrums für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv), der Universität Leipzig, des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ), der Universität Wageningen und des CIBIO/InBIO (Forschungszentrum für Biodiversität und genetische Ressourcen der Universitäten Porto und Lissabon) haben herausgefunden, dass große Pflanzenfresser – einschließlich Nutztiere, wilde und halbwilde Pflanzenfresser – eine naturbasierte Lösung zur Verringerung des Risikos von Waldbränden darstellen können. Die Studie wurde im Rahmen des Projekts GrazeLIFE (LIFE-Vorbereitungsprojekt im Auftrag der Europäischen Kommission) durchgeführt, das von Rewilding Europe koordiniert wird.

Das internationale Forscherteam untersuchte, ob große Pflanzenfresser die Menge der feuergefährdeten Vegetation und damit die Auswirkungen von Waldbränden verringern können. Dazu werteten sie bestehende Studien aus, die Zusammenhänge zwischen Pflanzenfressern, Vegetationsstruktur, Brandrisiko, Brandhäufigkeit und Brandschäden untersuchten. Sie fanden heraus, dass Pflanzenfresser die Schäden durch Waldbrände mindern können. Die Wirksamkeit hängt von einer Reihe von Faktoren ab: Populationsdichte, Arten und Ernährung der Pflanzenfresser, aber auch von der Art der Vegetation und den Umweltbedingungen.

„Diese Aufgabe können nicht nur Haustiere übernehmen, sondern auch wiederangesiedelte wilde und halbwilde Pflanzenfresser“, sagt Julia Rouet-Leduc, Hauptautorin der Studie und Doktorandin bei iDiv und an der Universität Leipzig. „Sie können das Risiko von Waldbränden wirksam verringern, insbesondere in abgelegenen und schwer zugänglichen Gebieten. Hier kann eine sorgfältige Bewirtschaftung mit Pflanzenfressern die Verhütung von Waldbränden mit dem Schutz der Natur verbinden.“ Dr. Fons van der Plas, ebenfalls Hauptautor der Studie und Assistenzprofessor an der Universität Wageningen, fügt hinzu: „Extensive Formen der Beweidung werden nicht zu einer homogenen, niedrigen Vegetation führen. Aber schon allein beweidete Flächen können bereits ausreichen, eine unkontrollierte Ausbreitung von Bränden zu verhindern, da sie als natürliche Brandschneisen fungieren.“ Bei Bedarf kann eine kurzfristige intensive Beweidung, auch gezielte Beweidung genannt, auch mit anderen Maßnahmen wie der mechanischen Rodung kombiniert werden, um das Brandrisiko weiter zu verringern.

ndenuf der Grundlage ihrer Ergebnisse geben die Forschenden Empfehlungen für Landnutzer, -besitzer und -verwalter sowie politische Entscheidungsträger. Eine davon ist die Beibehaltung und Förderung der extensiven Beweidung durch einheimische oder (halb-)wilde Pflanzenfresser in Gebieten, die derzeit wegen Landaufgabe aus der Nutzung fallen. Darüber hinaus ist es erforderlich, die land- und forstwirtschaftlichen sowie brandpräventiven Maßnahmen zu integrieren und Brandprävention mit Tieren finanziell zu fördern. In Europa sollte beispielsweise die Gemeinsame Agrarpolitik Landwirtinnen und Landwirte sowie Landbesitzerinnen und Landbesitzer bei der Nutzung extensiver Weideflächen für die Brandbekämpfung unterstützen. „Tiere die Arbeit machen zu lassen, ist eine außerordentlich kosteneffiziente Art der Landbewirtschaftung, bei der gleichzeitig fehlende Ökosystemfunktionen wiederhergestellt werden und die der lokalen Bevölkerung zugutekommen kann“, so Dr. Guy Pe‘er, Forscher bei iDiv und am UFZ und ebenso Hauptautor der Studie.

„Gleichzeitig müssen wir akzeptieren, dass Brände natürliche Prozesse sind, die für viele Ökosysteme wichtig sind, und wir müssen lernen, bis zu einem gewissen Grad mit ihnen zu leben“, so Rouet-Leduc. Angesichts des Klimawandels würden die Waldbrände laut Pe’er in vielen Teilen der Welt wahrscheinlich immer schlimmer werden. „Die derzeitige Politik kann und sollte naturbasierte Lösungen viel besser berücksichtigen, z. B. indem sie Pflanzenfressern erlaubt, ihre Arbeit zu tun.“

Publikation:
Rouet-Leduc J., Pe'er G. et al. (2021). Effects of large herbivores on fire regimes and wildfire mitigation. Journal of Applied Ecology,. DOI: 10.1111/1365-2664.13972

 

Deutsches Zentrums für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv)

 


 

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10.9.2021