Natur und Landschaft

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Grüne Kreuze und Rote Liste Nahversorger Berlin

Derzeit stellen Bauern in ganz Deutschland auf Äckern und am Straßenrand grüne Kreuze auf. Sie sollen darauf aufmerksam machen, dass viele Bauern in ihrer Existenz bedroht sind. Insektenschutzprogramm, Verschärfung der Düngemittelverordnung, staatliches Tierwohlkennzeichen werden als Belastung gesehen, die nicht mehr tragbar ist. 

Die Botschaft hinter den grünen Kreuzen: Die Aktion #grüneKreuze ist eine stumme Protestaktion von Bäuerinnen und Bauern (Presseportal.de, 18.9.Original-Content von: Die Graswurzler, übermittelt durch news aktuell)

Netzbewegung von Landwirten demonstriert am 22. Oktober in Bonn (topagrar online, 9.10.2019)

Bauernverbände reichen Volksantrag ein: Als Alternative zum Volksbegehren reichten die Bauernverbände in Baden-Württemberg heute gemeinsam einen Volksantrag beim Landtag ein. (topagrar online, 2.10.2019)

 

Der Bundesverband der Regionalbewegung e.V. (BRB) hat kürzlich auf dem Pariser Platz am Brandenburger Tor in Berlin mit einer öffentlichkeitswirksamen Aktion auf den dramatischen Rückgang der Lebensmittelhandwerksbetriebe aufmerksam gemacht.

Die letzten ihrer Art!

„Fleischer, Bäcker, Gastwirte und Landwirte, die handwerklich im regionalen Wirtschaftskreislauf arbeiten, sind die Gestalter und Garanten unserer kulinarischen Vielfalt und akut vom Aussterben bedroht“, warnt Heiner Sindel, 1. Vorsitzender des BRB. Angelehnt an die Rote Liste der Artenvielfalt, weist die Regionalbewegung auf das Sterben der Nahversorgerstrukturen hin. Medienwirksam wurde der Einzug der letzten Exemplare ihrer Art, des handwerklichen Fleischers, des handwerklichen Bäckers, des Gastwirts im ländlichen Raum sowie des kleinen Landwirts in das Wachsfigurenkabinett inszeniert – um zumindest der Nachwelt erhalten zu bleiben.  In vier Plexiglasvitrinen (1m breit x 1m tief x 2m hoch) standen jeweils ein Vertreter*in der Lebensmittelhandwerksbetriebe in Arbeitskleidung. Im Hintergrund der Vitrinen wurde ein Banner (3,6 m hoch und 4,9 m breit) aufgehängt.

Basierend auf Zahlen des Statistischen Bundesamtes ergibt sich für vier ausgewählte Bereiche der Nahversorgung eine alarmierende Realität. Die Anzahl der Bäckerhandwerksbetriebe hat sich von 1998 bis 2018 um 49 % drastisch reduziert. Im Fleischerhandwerk sind im gleichen Zeitraum ebenfalls 49 % der Betriebe geschlossen worden. Die Anzahl von kleinen landwirtschaftlichen Betrieben (bis 50 ha Fläche) ist seit Mitte der 1990er Jahre um 48 % zurückgegangen. Für Wirtshäuser (insbesondere Schankwirtschaften) ist der Rückgang mit 59 % seit 1994 am dramatischsten. Keiner kann in die Zukunft sehen, aber man kann Entwicklungen verfolgen, und wenn kein Umdenken und entsprechendes Handeln stattfindet, dann sind diese vier Repräsentanten der Nahversorger in 15-20 Jahren ausgestorben.

Auf der Grundlage der erhobenen Zahlen lassen sich folgende Szenarien ableiten: Bäckerhandwerksbetriebe sterben bis 2039 aus, Fleischerhandwerksbetriebe wird es 2037 nicht mehr geben, im Jahr 2036 trifft es die kleinen landwirtschaftlichen Betriebe, und schon 2034 schließt die letzte Schankwirtschaft ihrer Art. „Kleine Lebensmittelhandwerker sind ein unerlässliches Element im regionalen Wirtschaftskreislauf“, betont Heiner Sindel. „Ohne ihre Arbeit gibt es keine glaubwürdig regionalen Produkte, keine regionalen Verkaufsstellen, keine regionalen Einkehrmöglichkeiten“, so Sindel weiter. Trotz ihrer Relevanz im Alltag von jedem Einzelnen sind die Gründe des Verschwindens allseits bekannt: fehlende Fachkräfte, fehlende Nachfolge, zeitfressende Bürokratie, steigende Preise für Pacht und Kauf von landwirtschaftlichen Flächen, fehlende Wertschätzung von Handwerksberufen, Veränderungen in der Sozialstruktur – diese „Todesursachen“ sind jedoch auch politisch forciert und müssen aus Sicht der Regionalbewegung dringend korrigiert werden.

Klimaschutz durch kurze Wege: „Wenn wir uns ernsthaft diesem Strukturbruch und dem Klimawandel entgegen stellen wollen, müssen regionale Wirtschaftskreisläufe mit dezentralen Strukturen sowohl Teil einer zukünftigen Klima- als auch Lebensmittelpolitik sein“, fordert die Regionalbewegung. Kurze Wege vom Erzeuger zum Verbraucher sorgen für weniger Verkehrsströme und sparen Energie. Es muss ein rigoroses Umdenken in der Förderpolitik erfolgen, von der bisher wenige Alphatiere der Lebensmittelindustrie auf Kosten des Handwerks und der bäuerlichen Landwirtschaft profitieren, damit sich Kleinst- und kleine Betriebe in diesem Haifischbecken behaupten können und fairen Rahmenbedingungen ausgesetzt sind. Überbordende bürokratische Auflagen müssen auf ein notwendigstes Maß zurückgefahren werden. Politisch unterstützte Konzentrationsprozesse in der Wirtschaft lassen die Kleineren durchs Raster fallen. „Es gibt keine gerechte Globalisierung ohne starke Verwurzelung in den Regionen, in denen Kleinst-, kleine und mittlere Betriebe dominieren. Für die gesellschaftliche Breite und ein gutes Gefühl des „Nicht-Abgehängt-Seins“, vor allem in den ländlichen Räumen der Republik, ist eine Regionalisierung der Ernährungswirtschaft unerlässlich“, betont der Vorsitzende der Regionalbewegung.

Dem Klimakabinett der Bundesregierung bietet die Regionalbewegung die aktive Mitarbeit und Beratung zur Sicherung und dem innovativen Ausbau der Nahversorgerstrukturen auf kurzen Wegen an. Gleichzeitig empfiehlt sie ein „Bundesprogramm Regionale Wertschöpfung“ aufzulegen, das nicht nur Lippenbekenntnis für die kleinen Handwerksbetriebe ist, sondern adäquat mit Finanzmitteln in Milliardenhöhe ausgestattet ist, um über eine Gießkannenförderung hinaus tatsächlich Teil zukünftiger Klimaschutzmaßnahmen zu werden.

Bundesverband der Regionalbewegung e.V. 


 

 


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Natur und Landschaft  / Schwerpunktausgabe  6-2018:
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11.10.2019