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Leopoldina: Globale Biodiversität in der Krise – Was können Deutschland und die EU dagegen tun? (2020)

Die Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina warnt in einem Diskussionspapier vor den Folgen des weltweiten Artensterbens und legt einen 10-Punkte-Plan vor.

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus verschiedenen Disziplinen der Biodiversität, Ökologie, Ökonomie, Anthropologie und integrierten Landsystem-Forschung haben sich mit Fragen der globalen Krise der biologischen Vielfalt befasst. In dem daraus resultierenden Diskussionspapier „Globale Biodiversität in der Krise - Was können Deutschland und die EU dagegen tun?“ und in dem dazugehörenden Dokumentationsband zeigen die Autorinnen und Autoren auf, wie Deutschland und Europa reagieren sollten, um das gemeinsame Ziel zu erreichen, den Verlust an Biodiversität zu stoppen.

DISKUSSIONSPAPIER (PDF) 
Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina (Hrsg.) Diskussion Nr. 24, 2020, 44 Seiten, ISBN: 978-3-8047-4067-9)

DOKUMENTATIONSBAND (PDF)


Die Vielfalt von Pflanzen und Tieren ist eine unserer wichtigsten Lebensgrundlagen. Teil der Evolution war und ist immer auch das Aussterben und die Neuentstehung von Arten. In den letzten Jahrzehnten ist jedoch ein in der Geschichte der Erde bisher nie erreichtes Massenaussterben von Pflanzen- und Tierarten zu beobachten. Der Einfluss des Menschen auf alle Bereiche unserer Umwelt hat so nicht nur zu Klimawandel geführt, sondern auch dazu, dass ein großer Teil der biologischen Vielfalt unwiederbringlich verloren gegangen ist. Was dies für das langfristige Überleben der Menschheit bedeutet, ist aktuell kaum abschätzbar. Wichtig ist jedoch, dass sowohl der Schutz des Klimas als auch der Schutz der Biodiversität untrennbar miteinander verbundene Herausforderungen für die Menschheit sind.

Die Weltgemeinschaft hat bereits bei der Konvention von Rio 1992 die Dringlichkeit anerkannt, die dem Biodiversitätsschutz zukommt. In den letzten fast 30 Jahren verpflichteten sich die Vertragsstaaten zu verschiedenen Zielen, die dem Schutz der Biodiversität dienen sollen und den Verlust der Vielfalt möglichst stoppen sollten. Vieles wurde erreicht, aber der Verlust der Vielfalt geht kaum gebremst weiter.

 

Zehn-Punkte-Plan zum Schutz der Biodiversität

1. Reduktion des Fleischkonsums und der Nahrungsmittelverluste in Deutschland/Europa durch 

a)    Aufklärungskampagne zur Verminderung der Nahrungsmittelverschwendung
b)    umfassende Ernährungsbildungsoffensive zur Verminderung des Fleischverbrauchs (gesundheitsorientierte Ernährungsempfehlung von 0,3 bis 0,6 Kilogramm Fleisch pro Woche
c)    Schaffung und Förderung entsprechender Angebote durch Veränderungen der Speisepläne von Schul- und Betriebskantinen, 
d)    Aufhebung von Umsatzsteuervergünstigungen für Fleisch und Fleischprodukte und 
e)    gegebenenfalls CO2-Bepreisung von Fleisch- und Milchprodukten

2. Neuorientierung der Gemeinsamen EU-Agrarpolitik (GAP) durch schrittweise Abschaffung der Direktzahlungen (bisherige 1. Säule der GAP) 

3. Schrittweise Transformation der Landwirtschaft mit deutlich weniger Einsatz von Düngemitteln (<50 Kilogramm pro Hektar Stickstoffüberschuss) und Pestiziden (50 Prozent Reduktion bis 2030); Lenkung des Pestizid- und Düngemitteleinsatzes durch Abgaben auf Pestizide und Stickstoffverbindungen (Abgaben auf Grenzwertüberschreitungen)

4. Förderung und Finanzierung der Biotopvielfalt in der Agrarlandschaft durch 

a)    Anlage/Erhalt von Tümpeln, Hecken, Schutzstreifen an Waldrändern, Brachen/Stilllegungsflächen, 
b)    Aufbau von wirksamen Biotopverbünden und Korridoren als Klima- und Wanderkorridore
c)    Vervollständigung des Grünen Bandes entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze als Teil des Nationalen Naturerbes
d)    Schaffung von nicht bewirtschafteten, durchgängigen 10 Meter breiten Naturrandstreifen (Schutzgebietsstatus) beidseits aller Fließgewässer (ca. 400 000 Kilometer)
e)    Wiederherstellung der Durchwanderbarkeit von Fließgewässern als Klima- und Wanderkorridore 
f)    möglichst großzügige Umsetzung des Bundesprogramms „Blaues Band“ zur Renaturierung von Bundeswasserstraßen und deren Auen.

5. Wiedervernässung von ca. 10 000 bis 15 000 Quadratkilometern Landwirtschaftsflächen auf entwässerten Moor- und Feuchtgebieten in Deutschland über einen Zeitraum von 20 Jahren. 

6. Von Deutschland und der EU einzubringende politische Initiative zur Sicherung der Biodiversität auf 50 Prozent (30 Prozent plus 20 Prozent) der Landfläche aller Ökoregionen der Erde und auf 40 Prozent der Meeresfläche durch Einrichtung, Finanzierung und Überwachung von wirksamen Schutzgebieten, Schutz von mindestens 30 Prozent der Landfläche durch wirksame Schutzgebiete und auf bis zu weiteren 20 Prozent der Fläche durch Schutzgebiete mit einer an den Biodiversitätszielen angepassten/nachgeordneten Landnutzung.

7. Finanzielle Stärkung der Schutzgebiete in Schwellen- und Entwicklungsländern, unter anderem als Ausgleichsmaßnahme, um den externen ökologischen Fußabdruck Deutschlands und der EU zu kompensieren:

a)    Schaffung einer “Biodiversitätsallianz für Afrika” der EU, mit dem Ziel einer dauerhaften direkten Grundfinanzierung der bereits vorhandenen Schutzgebiete durch jährliche Mittel in Höhe von etwa 4 Milliarden Euro 
b)    Verbesserung der finanziellen Ausstattung bestehender oder geplanter Finanzierungsinstrumente wie zum Beispiel des Legacy Landscapes Fund auf mehrere Milliarden Euro

8. Aktionsplan von EU, Deutschland und der Weltgemeinschaft zur Erreichung eines wirksamen Schutzes der verbliebenen 11,5 Millionen Quadratkilometer Primärwälder (Urwälder) der Erde (ca. 8 Prozent der globalen Landoberfläche), die wahrscheinlich mehr als 50 Prozent aller Arten auf der Erde beherbergen und als “Allgemeingut der Menschheit” Schlüsselfunktionen für die Stabilisierung des Weltklimas besitzen. Dazu ist der Aufbau eines Urwaldfonds (Virgin Forest Fund) der Weltgemeinschaft in ausreichender Höhe notwendig (35 Milliarden Euro für 10 Jahre).

9. Vergrößerung und Stärkung der Schutzgebietssysteme in genutzten Waldgebieten. Bis 2030 sollten 50 Prozent der Wälder weltweit entweder effektiv unter Schutz stehen, oder nachhaltig bewirtschaftet werden.

10. Verstärkte politische und finanzielle Führungsrolle Deutschlands und der EU zur Renaturierung von Waldlandschaften (Forest Land- scape Restoration) vor allem als Beitrag zum Klimaschutz

Publikationen in der Reihe „Leopoldina Diskussion“ sind Beiträge der genannten Autorinnen und Autoren. Mit den Diskussionspapieren bietet die Akademie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern die Möglichkeit, flexibel und ohne einen formellen Arbeitsgruppen-Prozess Denkanstöße zu geben oder Diskurse anzuregen und hierfür auch Empfehlungen zu formulieren.

Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina – Nationale Akademie der Wissenschaften


 

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Vorstellung der EU-Biodiversitätsstrategie und Farm-to-Fork-Strategie 

Presseinformation der EU (20.5.2020)

 

26.5.2020