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Neue Artinventur der bayerischen Schmetterlinge

Quelle/Bild: Andreas Segerer, SNSB-ZSM. Der Kleinschmetterling Aproaerema cinctelloides galt bisher als Endemit von Korsika, wurde nun aber auch im bayerischen Donautal entdeckt. Maßstab: 2 mm.

Schmetterlinge (Lepidoptera) bilden die viertgrößte Tiergruppe der Welt und sind wichtige Bioindikatoren. Seit Jahren sind die Artenzahlen für Schmetterlinge stark rückläufig. Eine Checkliste aus dem Jahr 2016 bestätigte rund 13 % Arten-Verluste für bayerische Schmetterlinge sowie eine signifikante Abnahme von Populationsstärken vieler noch vorhandener Arten. In einer neuen Arbeit bringen die Schmetterlingsforscher Dr. Andreas Segerer, stellvertretender Direktor der Zoologischen Staatssammlung München (SNSB-ZSM) und Alfred Haslberger, Vorstandsmitglied der Münchner Entomologischen Gesellschaft (MEG) die Liste der bayerischen Schmetterlinge nun auf den neuesten Stand.

Die fortgesetzten Untersuchungen in den letzten fünfeinhalb Jahren brachten auch Überraschendes zu Tage: Die Zahl der aus Bayern bekannten Arten ist um 64 gestiegen und nunmehr auf 3.307 angewachsen, was knapp 90 % der deutschen Schmetterlingsfauna entspricht. Zu den großen Überraschungen zählt die Entdeckung des Kleinschmetterlings Aproaerema cinctelloides im Donautal, der bisher als Endemit der Insel Korsika galt. Auch wurden in den letzten Jahren 111 bisher verschollen geglaubte Arten in Bayern wiederentdeckt. Allerdings: „Die weit überwiegende Mehrzahl dieser Fälle ist das Resultat gezielter Nachsuchen, nicht von Bestandserholungen oder aktiver Ausbreitung“, erläutert Seniorautor Andreas Segerer. „Die Zahlen haben sich verändert, nicht aber der generelle Trend und die Ursachen der insgesamt negativen Bestandsentwicklung. Tatsächlich handelt es sich bei den meisten Wiederentdeckungen nur um Einzelfunde von Arten, deren Bestand um die Nachweisgrenze schwankt. Von 3.307 bekannten Arten in Bayern sind aktuell noch 3.258 nachgewiesen. Unsere Studie erlaubt den bisher schärfsten Blick auf den Artbestand bayerischer Schmetterlinge und seine Veränderungen über die vergangenen 200 Jahre.“

Als wichtigstes Reservoir der Artenvielfalt identifizierten die Autoren strukturreiche, abgelegene Regionen, die gegen den Eintrag schädlicher Chemikalien abgeschirmt sind – in erster Linie großräumige Schutzgebiete und Sonderstandorte wie Truppenübungsplätze oder Steinbrüche. Auf offener Flur sind die Artenverluste hingegen am höchsten. Im landwirtschaftlich besonders intensiv genutzten Hügelland südlich der Donau manifestierte sich das große Artensterben schon um Mitte des 20. Jahrhunderts. In den Magerrasen Nordwestbayerns beschleunigt sich der Artenrückgang in den letzten Jahrzehnten massiv, was die Autoren vor allen Dingen auf Landnutzungsänderungen, Klimaerwärmung und zunehmende Belastung durch düngewirksame Stoffe und verdriftende Pestizide zurückführen.

Vergleichsweise günstig stellt sich die Situation für die Alpenschmetterlinge dar, für die es landschaftsbedingt am meisten Rückzugsräume gibt. Die Studie zeigt erneut, wie wichtig die Biodiversitätsforschung für den Artenschutz ist. Sie bildet die Datengrundlage für den Schutz ökologisch einzigartiger Lebensräume.

Publikation:
Haslberger A., Segerer, A.H. (2021): Fünf Jahre „Checkliste der Schmetterlinge Bayerns“: Eine Erfolgsgeschichte der bayerischen Insektenfaunistik auf neuestem Stand (Insecta: Lepidoptera). Mitteilungen der Münchner Entomologischen Gesellschaft 111: 5–44. 6 online-Supplemente (S5-S10; barcoding-zsm.de/bayernfauna/lepidoptera).

 

Zoologische Staatssammlung München

 


 

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12.1.2022