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Neue Streuobst-Verordnung in Bayern weicht Naturschutz auf statt ihn zu stärken / Streuobstbestände in Baden-Württemberg gehen weiter stark zurück

Volksbegehren Artenvielfalt: Erster Stresstest nicht bestanden
 

Obwohl die gesetzliche Verpflichtung durch das Volksbegehren eine höhere finanzielle Förderung der Schutzmaßnahmen von Landwirten bringt, führt die neue Biotop-Verordnung dazu, dass fast keine Streuobstwiesen in Bayern mehr unter Schutz stehen.

Der Bürgerwille aus dem Volksbegehren wird damit umgangen, die Umsetzung des neuen Artenschutzgesetzes beim Streuobstschutz wird somit zur Farce“, kritisiert der Vorsitzende des Landesbundes für Vogelschutz in Bayern e.V. (LBV), Dr. Norbert Schäffer. „Der LBV wird dies nicht hinnehmen und deshalb gegen die Aushebelung des im Volksbegehren vorgesehenen Schutzes von Streuobstwiesen klagen.“

Es sind scheinbar technische Details, welche die neue Biotop-Verordnung für den LBV und die weiteren Vertreter des Volksbegehrens Artenvielfalt wie einen Schlag ins Gesicht wirken lassen. Damit eine Streuobstwiese geschützt wird, müssen in Zukunft mindestens 75 Prozent der Streuobstbäume ihren Kronenansatz in mindestens 1,80 Meter Höhe haben.

Dies wird jedoch, nach einer repräsentativen Probekartierung des LBV, in den allerwenigsten Streuobstwiesen im Freistaat der Fall sein. Darüber hinaus ist für die Artenschützer des LBV unverständlich, weshalb die bayerischen Förderprogramme für Landwirte im Gegensatz zur neuen Verordnung von einem Kronenansatz in Höhe von 1,60 Meter oder sogar 1,40 Meter ausgehen.

„Für die jetzt beschlossene Anhebung des Kriteriums gibt es keinen sachlichen Grund“, so Schäffer. Untersuchungen des LBV in Ober-, Mittel- und Unterfranken zeigen, dass ein Großteil der bisher als Streuobstwiesen klassifizierten Bestände nach der neuen Verordnung nicht mehr als solche eingestuft würden – und damit ihren Status als geschütztes Biotop verlieren. „Die Folge: nach der neuen Streuobst-Verordnung, die entsprechend dem Volksbegehren eigentlich wertvolle Streuobstwiesen- und -weiden erhalten soll, wird nahezu allen Streuobstwiesen dieser Schutz verwehrt“, erklärt der LBV-Vorsitzende.

Landesbund für Vogelschutz in Bayern e.V. (LBV)

 

Streuobstbestände in Baden-Württemberg gehen weiter stark zurück 

Jährlich gehen etwa 100 000 Streuobstbäume in Baden-Württemberg verloren, wie eine aktuelle landesweite Streuobsterfassung nun zeigt. Diese wurde durch die Universität Hohenheim im Auftrag des Ministeriums für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft Baden-Württemberg durchgeführt und im Dezember 2019 erstmals präsentiert. Die Vorsitzende des Vereins Hochstamm Deutschland e. V., der sich bundesweit für den Erhalt von Streuobst einsetzt, zeigt sich alarmiert und ist bereit zu handeln. 

Seit Jahrzehnten nehmen die Streuobstbestände in Baden-Württemberg immer weiter ab. Nun jedoch zeigt eine landesweite Streuobsterfassung, wie beunruhigend die Rückgänge tatsächlich sind: Gegenüber der letzten Erhebung aus dem Jahr 2009 (Datengrundlage aus 2005), sind die Bestände um mehr als 20 % zurückgegangen. Während 2009 noch gut 9,3 Millionen Streuobstbäume erfasst werden konnten, sind es laut der neuen Erfassung nun nur noch 7,1 Millionen. Geht man von durchschnittlich 80 Bäumen je Hektar Streuobstfläche aus, so ergibt dies eine landesweite Streuobstfläche von ca. 89 000 Hektar. Auch ein Blick in die zurückliegenden Jahrzehnte zeigt, dass dieser Trend ein fortlaufender ist: Gab es in den 1960er-Jahren noch knapp 18 Millionen Streuobstbäume, so waren es in den 1990er Jahren bereits nur noch 10 Millionen. Im Mittel zeigt sich ein linearer Rückgang von 100 000 Bäumen pro Jahr in Baden-Württemberg. Die Erfassung wurde im Auftrag des Ministeriums für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft Baden-Württemberg von Prof. Dr. Klaus Schmieder der Universität Hohenheim durchgeführt und die Ergebnisse erstmals im Dezember 2019 beim „Jahresgespräch Streuobst“ präsentiert, eine umfassende Veröffentlichung folgt. Ermittelt wurden die Bestände auf Grundlage von Luftbildern der Jahre 2012-2015 mittels automatisierten Fernerkundungsverfahren unter Nutzung von photogrammetrischen Luftbildern und LiDAR Daten.

„Wir sind sehr schockiert von diesen Zahlen und dem dramatischen Rückgang der Bestände“, sagt Martina Hörmann, Vorsitzende des gemeinnützigen Vereins Hochstamm Deutschland e. V., dessen Ziel es ist, bundesweit zum Erhalt der Streuobst-Bestände beizutragen. Hörmann, die beim Jahresgespräch Streuobst ebenfalls als Expertin anwesend war, erklärt weiter: „Wir von Hochstamm Deutschland sehen das als Weckruf, uns noch intensiver um den Erhalt und die Weiterentwicklung von Streuobst zu kümmern. Denn die Streuobstbestände sind wertvolle Kulturlandschaft und wichtiger Lebensraum für zahlreiche Tier- und Pflanzenarten.“

Schlüsselfaktoren für den Rückgang sei die zurückgehende Nutzung durch die Besitzer, für die sich die arbeits- und zeitintensive Pflege der Bäume sowie die Ernte und Verarbeitung des Obstes kaum mehr lohne, denn es fehle eine angemessene Wertschätzung für Streuobstprodukte. „Hier wollen wir von unserer Seite aus alles tun, um bei diesen Punkten neue Anreize zu setzen. Aktuell entwickeln wir ein Markenzeichen zur Kennzeichnung von Streuobstprodukten, um Transparenz zu schaffen und somit den Verbrauchern zu helfen, diese überaus nachhaltigen Produkte zu erkennen und durch den gezielten Kauf zum Schutz dieser vielfältigen Lebensräume  beizutragen. Zudem haben wir im vergangenen Jahr stellvertretend für Akteure aus ganz Deutschland, einen Antrag zur Anerkennung von Streuobst als Immaterielles Kulturerbe bei der UNESCO gestellt und hoffen aktuell auf eine Aufnahme in die deutsche Vorschlagsliste“. Die Antragstellung, so Hörmann, hätte bereits zu stärkerer Vernetzung und öffentlicher Wahrnehmung geführt, was ebenfalls die Wertschätzung unterstütze.

Hochstamm Deutschland e.V.

 

07.02.2020