Natur und Landschaft

Aktuelles

Nur noch wenige Jahre Zeit: Insektensterben aufhalten

Quelle/Bild: © skeeze/pixabay.

Prof. Dr. Johannes Steidle warnt: Es bleibt nicht mehr viel Zeit beim Insektensterben, vielleicht sieben oder zehn Jahre.

Prof. Dr. rer. nat. Johannes Steidle (Jahrgang 1962) ist Leiter des Fachgebiets Tierökologie am Institut für Zoologie der Universität Hohenheim und Direktor des Zoologischen und Tiermedizinischen Museums. Er gehört zu den Unterzeichnern des 9-Punkte-Plans gegen das Insektensterben“ des ersten internationalen Insektenschutzsymposiums am Naturkundemuseum Stuttgart (2018).

SPIEGEL-online-Interview mit Prof. Dr. Johannes Steidle: "Wir müssen jetzt sofort handeln" (13.2.2019)

nano / 3sat-Interview mit Prof. Dr. Johannes Steidle (13.2.2019)

„Jeder von uns im Raum wird den Zusammenbruch der Ökosysteme noch erleben, wenn wir nicht gegensteuern“, war das Fazit eines Vortrags von Prof. Dr. Johannes Steidle über Ursachen, Folgen und Hintergründe des Insektensterbens am Sonntag, den 29. September 2019, in Singen-Bohlingen (Landkreis Konstanz). Der Leiter des Fachgebiets Tierökologie am Institut für Zoologie der Universität Hohenheim zeigte anhand von wissenschaftlichen Daten, dass es das massive Insektensterben nicht nur in den Regionen Deutschlands gibt, die von der Krefelder Studie (2017) untersucht wurden, sondern auch in Baden-Württemberg. Die Hauptursachen für den massiven Rückgang der Insekten sieht der Wissenschaftler in der intensiven Landwirtschaft. Dort müsste man deshalb auch bei den Gegenmaßnahmen ansetzen.

„Das Artensterben und insbesondere der massive Rückgang der Insekten werden vor allem durch die intensive Landwirtschaft verursacht, die sich aufgrund des Kauf- und Ernährungsverhaltens der Gesellschaft entwickelt hat. Der Artenverlust wird zu einem Zusammenbruch der Ökosysteme führen, auf deren ‚Serviceleistungen’ wie der Bereit-stellung von sauberem Wasser oder Bestäubung wir dringend angewiesen sind“, erläuterte Steidle. Er fordert daher: „Es muss der Gesellschaft gelingen, die auslösen-den Prozesse durch eine Umgestaltung der intensiven Landwirtschaft zu stoppen.“

Die Veranstaltung bildete den Auftakt zu einer zehnteiligen Diskussions- und Vortragsreihe „Siegwarths Umweltgespräche – Mensch, Fauna und Flora“, die die drängenden gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit aufgreift: die Umweltzerstörung und den Klimawandel. Initiator der Gespräche ist Manfred J. Siegwarth, Geschäftsführer der Siegwarth Gartenmanufaktur in Bohlingen. Mit rund 100 Personen war die Veranstaltung bis auf den letzten Stuhl besetzt.

Die nächste Veranstaltung findet am Sonntag, den 27. Oktober 2019, von 11:00 Uhr bis 13:00 Uhr statt. Thema: Das „Volksbegehren Artenschutz – Rettet die Bienen“ in Baden-Württemberg. Referent: Johannes Enssle, Vorsitzender des NABU Baden-Württemberg und einer der offiziellen Sprecher des Volksbegehrens. Die Teilnahme an der gesamten Reihe ist kostenlos, Anmeldung erbeten.

Der Referent

Prof. Dr. rer. nat. Johannes Steidle (Jahrgang 1962) ist Leiter des Fachgebiets Tierökologie am Institut für Zoologie der Universität Hohenheim und Direktor des Zoologischen und Tiermedizinischen Museums. Der Schwerpunkt seiner wissenschaftlichen Arbeit liegt auf der Untersuchung chemischer Signale, die Informationen zwischen Organismen übermitteln. Die gewonnenen Erkenntnisse sind beispielsweise wichtig für die biologische Schädlingsbekämpfung oder im Naturschutz, etwa beim Einsatz von Pheromonfallen zum Nachweis seltener Insektenarten. Seit 2018 ist Steidle Mitglied im Fachgremium zum Sonderprogramm zur Stärkung der Biologischen Vielfalt der Landesregierung von Baden-Württemberg. Er gehört zu den Unterzeichnern des „9-Punkte-Plans gegen das Insektensterben“ des ersten internationalen Insektenschutzsymposiums am Naturkundemuseum Stuttgart (2018).

Siegwarths Umweltgespräche – Mensch, Fauna und Flora

Die Vortrags- und Diskussionsreihe „Siegwarths Umweltgespräche – Mensch, Fauna und Flora“ in Singen-Bohlingen am Bodensee greift an zehn Terminen die aktuelle Umwelt- und Klimadiskussion auf. Namhafte Experten aus Wissenschaft, Forschung, Politik und Praxis erläutern, was Ernährung, Konsum, Energie und Mobilität mit der zunehmenden Zerstörung unserer Lebensgrundlagen zu tun haben – auch mit Bezug auf die Region. So hat sich beispielsweise das Wasser des Bodensees in den vergangenen Jahrzehnten kontinuierlich erwärmt (Institut für Seenforschung, Langenargen) – mit nicht abschätzbaren Folgen für Fauna, Flora und Mensch. Auch sind über die Hälfte der 460 Bienenarten (Rote Liste 2000) und fast 60 Prozent der 199 Brutvogelarten (Rote Liste 2013) Baden-Württembergs bereits ausgestorben oder gefährdet. Jede der moderierten Veranstaltungen bietet die Möglichkeit, Fragen zu stellen und ins Gespräch mit den Referenten zu kommen. Wo immer möglich sollen im Rahmen der Vorträge oder Podiumsdiskussionen Lösungen aufgezeigt werden. Der Initiator, Unternehmer Manfred J. Siegwarth, erklärt das Ziel der Veranstaltungsreihe: „Natur hat einen unschätzbaren Wert. Es ist mir ein persönliches Anliegen mit diesen Informations- und Gesprächsangeboten die Menschen in der Region zu sensibilisieren, welche Folgen unser Lebensstil hat.“ „Siegwarths Umweltgespräche“ laufen von September 2019 bis Oktober 2020. Sie sind offen für alle Interessierten. Die Teilnahme ist kostenlos.

Der Veranstaltungsort

Die Umweltgespräche finden in der Orangerie der Siegwarth Gartenmanufaktur in Singen-Bohlingen statt. Der 5 000 Quadratmeter umfassende Mustergarten des Garten- und Landschaftsbaubetriebs verfügt über einen großen Baumbestand mit zahlreichen Nisthilfen für Singvögel, Eulen, Fledermäuse und Insekten. Im Frühjahr 2019 ist ein Honigbienenvolk eingezogen. Für Besucher ist das Gartencafé „Schlössle“ von April bis Oktober geöffnet. In seinem Mustergarten zeigt er auf, dass eine intensive Gartennutzung eine naturnahe Gestaltung nicht ausschließt. Das Gelände grenzt direkt an das Flüsschen Aach, mit Blick auf das Naturschutzgebiet Radolfzeller Aachried.

Der Initiator Manfred J. Siegwarth

Der Veranstalter der Umweltgespräche ist der Unternehmer Manfred J. Siegwarth, Jahrgang 1954. Der gebürtige Bohlinger plant und gestaltet als Geschäftsführer der Siegwarth Gartenmanufaktur seit mehr als drei Jahrzehnten private Gärten und Parks in ganz Deutschland, Italien und in der Schweiz. Er war 18 Jahre lang Vorsitzender des Verbandes Garten- und Landschaftsbau Hochrhein-Bodensee sowie neun Jahre Mitglied im Präsidium des Landesverbandes Garten-, Landschafts- und Sportplatzbau Baden-Württemberg für das Ressort Markt und Wirtschaft. Für seine Verdienste um das Land Baden-Württemberg wurde er mit der Staufermedaille ausgezeichnet. Im Jahr 2015 gründete er als engagierter Bürger das Kulturforum Bohlingen, um die Lebensqualität auf dem Dorf zu fördern, Traditionen zu erhalten, Vereine zu unterstützen und Bürger, Politik, Handel, Gewerbe und Tourismus miteinander zu verbinden. Bekannt ist Siegwarth zudem als Neubegründer der „Bohlinger Sichelhenke“. Dieses Heimatfest dient der authentischen Darstellung des landwirtschaftlichen Brauchtums in der Region und gilt als das größte seiner Art in Süddeutschland. Siegwarth ist seit drei Jahrzehnten Mitglied beim Naturschutzbund Deutschland e. V. (NABU). Mit seinem Unternehmen gehört er zum Unterstützerkreis des „Volksbegehrens Artenschutz – Rettet die Bienen!“ in Baden-Württemberg.

Siegwarth Gartenmanufaktur
openpr.de


♦ Lesen Sie zu diesem Thema auch das Schwerpunktheft 6/7-2019 von Natur und Landschaft:

Rückgang der Insektenvielfalt. Fakten, Folgen und Handlungserfordernisse

  • Insektenvielfalt und ihre Funktion in Ökosystemen
    von Thomas Schmitt
  • Zur ökonomischen Bedeutung der Insekten und ihrer Ökosystemleistungen
    von Bernd Hansjürgens, Christoph Schröter-Schlaack und Josef Settele
  • Analyse der bundesweiten Roten Listen zum Rückgang der Insekten in Deutschland
    von Melanie Ries, Timm Reinhardt, Ursula Nigmann und Sandra Balzer
  • Insektenvielfalt und ökologische Prozesse in Agrar- und Waldlandschaften
    von Christoph Scherber, Hannah Reininghaus, Jana Brandmeier, Georg Everwand, Vesna Gagic, Tabea Greiwe, Urs G. Kormann, Michael Meyer, Stefanie Nagelsdiek, Verena Rösch, Stephanie Sobek-Swant, Carsten Thies und David Ott
  • Bestandsrückgänge von Insekten in Schutzgebieten – bisherige Erkenntnisse aus einem laufenden Forschungsprogramm
    Martin Sorg, Axel Ssymank und Thomas Hörren
  • Insektenrückgang und -schutz in den fragmentierten Landschaften Mitteleuropas
    Thomas Fartmann, Dominik Poniatowski, Gregor Stuhldreher und Merle Streitberger
  • No Insect Respect. Eine kritische Analyse der Risikobewertung und -regulierung von Pflanzenschutzmitteln vor dem Hintergrund des Insektenrückgangs
    von Klaus Swarowsky, Steffen Matezki, Tobias Frische und Jörn Wogram
  • Handlungsperspektiven für eine insektenfreundliche Landnutzung
    von Rainer Oppermann, Constanze Buhk und Sonja Pfister
  • Was tun gegen das Insektensterben? Empfehlungen für naturschutzfachlich wertvolle Flächen
    von Thorsten Aßmann, Jörn Buse, Claudia Drees, Katharina Homburg und Dorothea Nolte
  • Instrumente der Datenerhebung und Handlungsfelder zur Verbesserung der Datenlage zu Insekten im Naturschutz
    von Sandra Balzer und Wiebke Züghart
  • Bestandsentwicklungen und Schutz von Insekten. Analysen und Aussagen des Weltbiodiversitätsrats (IPBES)
    von Josef Settele
  • Der Verlust der Insektenvielfalt – ein Kommentar der Deutschen Gesellschaft für allgemeine und angewandte Entomologie (DGaaE)
    von Jürgen Gross und Olaf Zimmermann

Weitere interessante Fachbeiträge finden Sie über die Artikelrecherche. ♦

04.10.2019