Claudia Steinacker,
Falko Engel und Peter Meyer
Zusammenfassung
In der Nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt (NBS) hatte sich die
Bundesregierung 2007 das Ziel gesetzt, dass 5 % der Waldfläche Deutschlands bis
zum Jahr 2020 einer natürlichen Waldentwicklung (NWE) überlassen werden. Die
aktuelle Bilanz der NWE-Flächen zeigt, dass das 5 %-Ziel trotz eines deutlichen
Anstiegs auf 3,1 % noch nicht erreicht wurde. So standen zum Stichjahr 2020 rund
355.000 ha Waldfläche bzw. waldfähige Fläche unter einem dauerhaft und
verbindlich gesicherten Prozessschutz. Die Wälder mit natürlicher Entwicklung in
Deutschland zeichnen sich durch eine ausgewogene Verteilung auf verschiedene
Flächengrößen und Altersklassen, einen hohen Anteil der Rotbuche (Fagus
sylvatica) und die Abdeckung vielfältiger Standortbedingungen aus.
Basierend auf Erkenntnissen aus Expertenworkshops werden die wichtigsten
praxisrelevanten Problemstellungen bei der Umsetzung von NWE umrissen. Hier sind
v. a. Fragen der Auswahl, Einrichtung und Betreuung von NWE-Flächen (z. B.
Verkehrssicherungs- und Forstschutzmaßnahmen, Schalenwildmanagement)
relevant.
Waldnaturschutz – Schutzgebietsplanung – Naturwälder – Prozessschutz – Naturschutzpolitik – Praxishilfen – FlächenmanagementAbstract
In the National Strategy on Biological Diversity (NBS), the German
government set itself in 2007 the target of leaving 5 % of Germany's forest area
to natural forest development (natürliche Waldentwicklung – NWE) by 2020. A
current survey of NWE areas shows that the 5 % target has not yet been achieved,
despite a significant increase to 3.1 %. As of the reference year 2020, around
355,000 ha of forest or forestable area were under permanent and binding natural
process protection. The forests with natural development in Germany are
characterised by a balanced distribution across different area sizes and age
classes, a high proportion of European beech (Fagus sylvatica) and
coverage of diverse site conditions. Based on findings from expert workshops, we
outline the key issues of practical relevance in the implementation of NWE.
Questions of selection, establishment and management of NWE sites (e. g.
measures for traffic safety and forest protection, wildlife management) are
particularly relevant.
Forest conservation – Protected area planning – Natural forests – Natural process protection – Nature conservation policy – Practical guides − Land managementInhalt
1 Einleitung
1.1 Das 5 %-Ziel der Nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt
Im Jahr 2007 verabschiedete das Bundeskabinett mit der Nationalen Strategie zur
biologischen Vielfalt (NBS) ein ambitioniertes Ziel- und Maßnahmenpaket zur
Umsetzung des UN-Übereinkommens über die biologische Vielfalt (engl. Convention on
Biological Diversity – CBD; BMU 2007).
Für den Wald beinhaltet die NBS u. a. das 5 %-Ziel, nach dem bis zum Jahr 2020 5 %
der Waldfläche Deutschlands bzw. 10 % der Wälder in der öffentlichen Hand einer
natürlichen Waldentwicklung (NWE) überlassen werden sollen (BMU 2007). Während derzeit an einer
Fortschreibung der NBS gearbeitet wird (Demant
et al. 2023), lohnt sich ein Blick zurück, um den bisherigen
Erfüllungsgrad des 5 %-Ziels zu quantifizieren und Empfehlungen für weitere Schritte
abzuleiten. Der vorliegende Beitrag geht daher auf die folgenden Fragestellungen
ein:
1. Welchen Flächenumfang nahmen Wälder mit natürlicher Entwicklung in
Deutschland zum Zieljahr der NBS ein? 2. Wie ist die Qualität der NWE-Flächen aus naturschutzfachlicher Sicht
zu bewerten? 3. Welche Perspektiven bestehen für die Erweiterung der
NWE-Kulisse? 4. Was gilt es bei der Umsetzung von NWE in der Praxis zu
beachten?
Für den letzten Punkt werden die Ergebnisse von Expertenworkshops umrissen. Aus
diesen lassen sich die wichtigsten Problemstellungen, aber auch mögliche Lösungswege
für die Auswahl, Einrichtung und Betreuung von NWE-Flächen ableiten.
1.2 Definition von NWE
Wälder mit natürlicher Entwicklung dienen der Erhaltung und Wiederherstellung
der waldtypischen Biodiversität (Braunisch
2015; Höltermann et al.
2020). NWE und das 5 %-Ziel sind allerdings bis heute ein
kontrovers diskutiertes Thema (Schramm, Hartard
2009; Walentowski 2011;
Schulze, Ammer 2015; Harthun 2017; Meyer 2018; Meyer et al. 2019; Höltermann et al. 2020; Luick et al. 2022).
Zum Zeitpunkt der Verabschiedung der NBS im Jahr 2007 gab es weder einen
allgemein akzeptierten Kriterienkatalog für Wälder mit natürlicher Entwicklung noch
eine belastbare Erhebung zu deren Flächenumfang und deren naturschutzfachlicher
Qualität. Als Mindestanforderungen an NWE-Flächen im Sinne der NBS gelten gemäß der
Definition von Engel et al. (2016a,
b) die rechtsverbindliche und
dauerhafte Aufgabe der forstlichen Nutzung und naturschutzfachlicher Pflegeeingriffe
auf einer zusammenhängenden Fläche von mind. 0,3 ha. Die geringe Mindestgröße von
0,3 ha wurde angesetzt, um auch Sonderstandorte und kleinräumige, azonale
Waldgesellschaften abzudecken. Die verbindliche Sicherung des dauerhaften
Nutzungsverzichts kann über verschiedene Ansätze gewährleistet werden (vgl. Tab. 1).
Tab. 1: Kriterien für Wälder mit natürlicher Entwicklung nach
Engel et al. (2016b).
Die Definition beruht auf Standards der Ministerial Conference on the
Protection of Forests in Europe (MCPFE) und der Weltnaturschutzunion
IUCN sowie einem intensiven Abstimmungsprozess zwischen Expertinnen und
Experten im Zuge des Forschungsvorhabens „Natürliche Waldentwicklung als
Ziel der Nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt − NWE5“ (https://www.nw-fva.de/forschen/projekte/nwe5).
NWE = natürliche Waldentwicklung.
Table 1: Criteria for forests under natural development according to
Engel et al. (2016b). The
definition is based on standards of the Ministerial Conference on the
Protection of Forests in Europe (MCPFE) and the International Union for
Conservation of Nature (IUCN), as well as an intensive coordination process
between experts in the course of the research project “Natural forest
development as a goal of the German National Strategy on Biological
Diversity − NWE5” (https://www.nw-fva.de/forschen/projekte/nwe5). NWE = natural
forest development.
Mindestanforderungen an NWE-Flächen |
Definition „natürliche Waldentwicklung“ | Wald oder waldfähige Flächen, auf denen dauerhaft weder
forstliche noch naturschutzfachliche oder
landschaftspflegerische Eingriffe stattfinden, und für die dies
rechtsverbindlich festgesetzt ist |
Flächengröße | ≥ 0,3 ha |
Rechtsverbindliche Sicherung | Hoheitliche Unterschutzstellung, vertragliche oder dingliche
Sicherung der dauerhaften natürlichen Waldentwicklung Beispiele: Erlass/Verordnung zur Ausweisung als
Schutzgebiet, Vertragsnaturschutz, Kompensationsmaßnahme,
Grundbucheintrag, veröffentlichtes Naturschutzkonzept als
dokumentierte Eigenbindung, Stiftungssatzung |
Aktuelle Bestockung | Naturnähe der aktuellen Bestockung ist aus
naturschutzfachlicher Sicht wünschenswert, jedoch im Sinne der
Mindestanforderungen nicht obligatorisch; auch waldfähige
Sukzessionsflächen (z. B. stillgelegte Truppenübungsplätze) sind
anerkennungsfähig. |
Zulässige Maßnahmen auf NWE-Flächen |
Waldschutz | Jagd, Brandschutz- und Forstschutzmaßnahmen bei Gefahr im
Verzug |
Erholung | Öffentlicher Zutritt, Verkehrssicherungsmaßnahmen, soweit
nicht durch andere Regelungen unterbunden |
Forschung | Nicht zerstörend wirkende Forschungsaktivitäten |
2 Bilanz der bundesweiten NWE-Fläche
Nach Erhebungen in den Jahren 2013 sowie 2019 wurde die NWE-Fläche in
Deutschland zum Stichjahr 2020 der NBS erneut bilanziert. Dieser Bilanzierung liegt
eine standardisierte, bundesweite Datenabfrage bei allen relevanten Akteuren wie
Behörden der Forst- und Naturschutzverwaltungen, Landesforstbetrieben,
Schutzgebietsverwaltungen, Stiftungen, Waldbesitzerverbänden und
Naturschutzorganisationen zugrunde (Stübner
et al. 2012; Engel et al.
2016b; Steinacker et al.
2020). Während im Jahr 2013 ein NWE-Anteil von 1,9 % ermittelt wurde,
erhöhte sich dieser bis zum Jahr 2020 auf 3,1 % (vgl. Abb. 1). Demnach gab es Ende 2020 rund
355.000 ha an Wäldern, die für einen dauerhaften Prozessschutz gesichert sind. Über
die bereits eingerichteten NWE-Flächen hinaus wurden auch solche Flächen erhoben,
für die eine NWE erst nach 2020 vorgesehen ist. Hierdurch wird sich der Anteil von
NWE an der Waldfläche voraussichtlich auf 4,1 % (rund 470.000 ha) erhöhen. Zur
Erreichung des 5 %-Ziels (entspricht 571.000 ha) verbliebe somit eine Lücke von
0,9 Prozentpunkten bzw. rund 100.000 ha.
Abb. 1: Entwicklung der Waldfläche mit natürlicher Waldentwicklung
(NWE) in Deutschland seit der ersten Bilanzierung durch die
Nordwestdeutsche Forstliche Versuchsanstalt (NW-FVA) im Jahr 2013. Die
NWE-Bilanz 2013 bezog sich in ihren Ergebnissen auf die Gesamtwaldfläche
gemäß zweiter Bundeswaldinventur (BWI) aus den Jahren von 2001 bis 2003.
Seitdem hat sich die Waldfläche in Deutschland laut dritter BWI aus den
Jahren 2011/2012 um 342.325 ha vergrößert. „20xx“ zeigt prognostizierte
Werte für die Zeit nach 2020. Die NWE-Bilanzen zu den Stichjahren 2019,
2020 und 20xx beziehen sich auf die Daten zum Gesamtwald aus der dritten
BWI. Die 5 %-Linie markiert das Ziel der Nationalen Strategie zur
biologischen Vielfalt (NBS). Die Kategorie „privater Wald“ beinhaltet
hier auch alle Waldflächen privatrechtlicher Stiftungen, Verbände und
Vereine.
Fig. 1: Development of the forest area under natural forest development
(NWE) in Germany since the first survey by the Northwest German Forest
Research Institute (NW-FVA) in 2013. The NWE inventory in 2013 referred in
its results to the total forest area according to the second German Federal
Forest Inventory (BWI) of 2001 to 2003. Since then, the forest area in
Germany has increased by 342,325 ha according to the third BWI of 2011/2012.
“20xx” shows projected values post-2020. The NWE inventories for 2019, 2020
and 20xx refer to the total forest area as determined by the third BWI. The
5 % line marks the target of the German National Biodiversity Strategy
(NBS). The “private forest” category here includes all forest areas owned by
foundations, associations and societies under private law.
Die in Abb. 1 dargestellte
Prognose für die Zukunft basiert auf Meldungen von Waldflächen bzw. waldfähigen
Flächen, die zum Zeitpunkt der Abfrage noch nicht alle Mindestanforderungen an eine
NWE erfüllten, für die dies jedoch geplant ist. Hierzu zählen zum einen
Erweiterungen der Kern- bzw. Naturdynamikzonen in den Nationalparken, die gemäß den
internationalen Richtlinien der Weltnaturschutzunion IUCN künftig einen Anteil von
mindestens 75 % der jeweiligen Nationalparkfläche einnehmen sollen. Weiterhin fallen
zahlreiche Gebiete des Nationalen Naturerbes (NNE) in diese Kategorie. Ursache
hierfür ist die Durchführung von Waldumbau- und Ersteinrichtungsmaßnahmen in einem
Zeitraum von bis zu 30 Jahren nach der Ausweisung sowie die noch in
Erarbeitung/Abstimmung befindlichen Managementpläne, die die genaue Abgrenzung der
Prozessschutzflächen innerhalb des NNE festlegen. Ein weiteres Beispiel für geplante
NWE-Flächen stellen nutzungsfreie Waldflächen dar, die bereits mitgemeldet wurden,
deren rechtsverbindliche Sicherung jedoch erst nach 2020 abgeschlossen bzw.
umgesetzt wird.
Der Staatswald im Besitz der Länder trägt mit rund 76 % den größten Teil zur
NWE-Fläche bei, gefolgt vom Staatswald im Besitz des Bundes und der Deutschen
Bundesstiftung Umwelt (DBU; zusammen 6,4 %). Der Anteil von Wäldern im Besitz
privater Stiftungen und Verbände an der NWE-Fläche beträgt 5,8 %. Im sonstigen
Privatwald sowie im Kommunalwald wurden NWE-Flächen bislang nur vereinzelt
ausgewiesen. Die NWE-Flächen wurden überwiegend durch hoheitlich-ordnungsrechtliche
Instrumente (Verordnungen, Wald-/Naturschutzgesetze) sowie über die dokumentierte
Selbstbindung im Staats-/Landeswald gesichert. Privatrechtliche Lösungen wie z. B.
Naturschutzverträge wurden kaum angewandt.
3 Naturschutzfachliche Bewertung der NWE-Kulisse
Neben der Fläche ist auch die naturschutzfachliche Qualität der Wälder mit
natürlicher Entwicklung von Interesse. Hierfür wurden u. a. die Verteilung der
NWE-Flächen auf Baumartengruppen, Größen- und Altersklassen sowie die Standorte der
natürlichen Waldtypen betrachtet (zur Methodik vgl. Meyer, Engel 2016; Schultze et al. 2016). Durch die
naturschutzfachliche Analyse können etwaige Lücken identifiziert werden, die es im
Zuge einer systematischen Erweiterung der NWE-Kulisse zu schließen gilt.
Gemessen an der aktuellen Baumartenzusammensetzung nimmt die Rotbuche (Fagus
sylvatica) den größten Anteil in der NWE-Kulisse ein, gefolgt von Fichte
(Picea) und Kiefer (Pinus; vgl. Abb. 2, Abb. 3). Die restliche Fläche ist mit sog. Weichlaubbaumarten
(Pionierbaumarten wie Birken − Betula, Eberesche − Sorbus aucuparia,
Weiden − Salix), Eichen (Quercus), Ahornarten (Acer), Eschen
(Fraxinus) und Ulmen (Ulmus) sowie in sehr geringen
Anteilen mit Lärchen (Larix) und Douglasien (Pseudotsuga
menziesii) bestanden. Die Nadelbaumbestände finden sich insbesondere in den
großen NWE-Gebieten wie z. B. den Nationalparken Harz, Eifel, Hunsrück-Hochwald,
Schwarzwald und Bayerischer Wald. Aufgrund der Größenanforderungen an Nationalparke
wurden dort auch nicht standortheimische Fichtenwälder einbezogen, was mit Blick auf
eine möglichst sinnvolle Allokation der begrenzten Naturschutzvorrangflächen
durchaus kritisch gesehen werden kann. Große Teile der Kiefernwaldflächen in der
NWE-Kulisse gehen auf die in das NNE übergebenen ehemaligen Truppenübungsplätze
zurück. Viele kleinere NWE-Gebiete sind hingegen naturnäher mit Laubbaumarten
bestockt.
Abb. 2: Verteilung der Waldflächen mit natürlicher Entwicklung (NWE)
auf Größenklassen und Hauptbaumartengruppen im Jahr 2020. Es gehen nur
räumlich dokumentierte NWE-Flächen in die Auswertung ein (84 %).
Weichlaubholz: Pionierbaumarten wie Birken (Betula), Eberesche
(Sorbus aucuparia), Weiden (Salix); sonstiges
Hartlaubholz: Ahornarten (Acer), Esche (Fraxinus), Ulmen
(Ulmus).
Fig. 2: Distribution of the areas under natural forest development (NWE)
according to size classes and main tree species groups in 2020. Only
spatially documented NWE plots are included in the evaluation (84 %).
Softwood: pioneer tree species such as birch (Betula), rowan
(Sorbus aucuparia), willow (Salix); other hardwood: maple
species (Acer), ash (Fraxinus), elm (Ulmus).
Abb. 3: Verteilung der Waldflächen mit natürlicher Entwicklung (NWE)
und der Gesamtwaldfläche im Jahr 2020 auf Hauptbaumartengruppen und
Altersklassen. Die entsprechenden Bestockungsinformationen liegen für
56 % der gemeldeten NWE-Flächen vor und wurden auf die Gesamtfläche mit
NWE extrapoliert. Schraffierte Säulen: Gesamtwaldfläche laut dritter
Bundeswaldinventur (BWI 2012). Baumartengruppen: Ei = Eiche
(Quercus), Bu = Rotbuche (Fagus sylvatica),
ALh = sonstiges Hartlaubholz mit Ahornarten (Acer), Esche
(Fraxinus) und Ulmen (Ulmus), ALn = Weichlaubholz mit
Birken (Betula), Eberesche (Sorbus aucuparia) und Weiden
(Salix), Fi = Fichte (Picea), Dgl = Douglasie
(Pseudotsuga menziesii), Ki = Kiefer (Pinus),
Lä = Lärche (Larix).
Fig. 3: Distribution of the areas under natural forest development (NWE)
and of the total forest area according to main tree species groups and age
classes in 2020. The corresponding stocking information is available for
56 % of the reported NWE areas and was extrapolated to the total area under
NWE. Shaded columns: Total forest area according to the third German Federal
Forest Inventory (BWI 2012). Tree species groups: Ei = oak (Quercus),
Bu = European beech (Fagus sylvatica), ALh = other hardwood with
maple species (Acer), ash (Fraxinus) and elm (Ulmus),
ALn = softwood with birch (Betula), rowan (Sorbus aucuparia)
and willow (Salix), Fi = spruce (Picea), Dgl = Douglas fir
(Pseudotsuga menziesii), Ki = pine (Pinus), Lä = larch
(Larix).
Die Verteilung der NWE-Flächen auf Größenklassen zeigt Maxima in den Klassen
≥ 20 bis < 100 ha, ≥ 100 bis < 500 ha sowie ≥ 1.000 ha (vgl. Abb. 2). Insgesamt wird ein breites
Spektrum an unterschiedlich großen Gebieten abgedeckt: von vielen kleinen
Trittsteinen mit kleinflächig ausgeprägten Waldtypen oder Sonderbiotopen, über
mittelgroße Gebiete ab 20 ha, die eine natürliche Phasendynamik zulassen, bis hin zu
großflächigen Wildnisgebieten. So erreichen bspw. 115.500 ha der zum Stichjahr 2020
bilanzierten NWE-Flächen eine Mindestgröße von 1.000 ha und weitere 23.600 ha eine
Flächengröße von ≥ 500 bis < 1.000 ha. Im Kontext der in der Naturschutzbiologie
geführten SLOSS-(„single large or several small“)-Debatte (Wintle et al. 2019; Arroyo-Rodríguez et al. 2020; Fahrig 2020; Fahrig et al. 2022; Riva, Fahrig 2022) ist die ausgewogene
Abdeckung verschiedener Größenklassen positiv zu bewerten, da hierdurch
unterschiedliche Funktionen beim Schutz der waldtypischen Biodiversität erfüllt
werden (Schultze et al.
2016).
Mit Blick auf die Altersstruktur der NWE-Flächen fällt der höhere Anteil an
alten Beständen (> 160 Jahre) im Vergleich zum deutschen Wald insgesamt auf (vgl.
Abb. 3). Die NWE-Kulisse weist
dabei überwiegend eine ausgeglichene Altersklassenverteilung auf. Hierdurch werden
die Voraussetzungen zur Ausbildung früher und später Waldentwicklungsphasen
geschaffen, die in Mitteleuropa derzeit unterrepräsentiert sind. Verschiedene
Studien belegen die große Bedeutung dieser Sukzessions- und Entwicklungsphasen für
die Erhaltung der biologischen Vielfalt (Swanson
et al. 2011; Hilmers et al.
2018; Leidinger et al.
2020).
Auf Grundlage der vorgestellten Bilanz wurde eine Repräsentativitätsanalyse der
natürlichen Waldtypen durchgeführt. Natürliche Waldtypen sind als vereinfachte
Gruppierungen von Vegetationstypen aus der Karte der potenziellen natürlichen
Vegetation (pnV) von Suck, Bushart
(2010) zu verstehen. Sie wurden als Surrogat für die im NWE-Netzwerk
abgedeckte Vielfalt an standörtlichen Bedingungen verwendet. Ob die potenziellen
Standorte der natürlichen Waldtypen im NWE-System repräsentativ enthalten sind,
wurde mithilfe des Proportionalitätsquotienten (PQ) quantifiziert. Dieser vergleicht
den Anteil der Standorte eines natürlichen Waldtyps innerhalb der NWE-Kulisse mit
dem Anteil im Gesamtwald (zur Methodik vgl. Meyer, Engel 2016). Dass kein natürlicher Waldtyp in der NWE-Kulisse
fehlt und die seltenen natürlichen Waldtypen mindestens proportional zu deren
Anteilen im Gesamtwald vertreten sind (vgl. Tab. 2), ist für den Schutz der waldtypischen Biodiversität als
vorteilhaft einzustufen. Die seltenen natürlichen Waldtypen sind in den meisten
Fällen sogar deutlich überproportional abgedeckt. Aus naturschutzfachlicher Sicht
erscheint dies sinnvoll, um die Erhaltung der auf die dortigen Lebensräume
spezialisierten Arten sicherzustellen. Beispielhaft sei das kleinräumige natürliche
Verbreitungsgebiet der standortheimischen Fichtenwälder in den Hochlagen des Harzes
genannt. Dieses wurde fast vollständig unter Prozessschutz gestellt und ermöglicht
die Untersuchung von Störungen in natürlichen Fichtenwäldern und deren
Regenerationspotenzial − auch vor dem Hintergrund des Klimawandels (Meyer 2019). Die potenziellen Standorte
trocken-warmer Eichen-Hainbuchenwälder, bodensaurer Buchenwälder und frischer bis
feuchter Birken-Eichenwälder sind allerdings in der NWE-Kulisse
unterrepräsentiert.
Tab. 2: Repräsentativität der potenziellen Standorte der natürlichen
Waldtypen innerhalb der Kulisse der Wälder mit natürlicher
Waldentwicklung (NWE) im Vergleich zum Gesamtwald.
Table 2: Representativeness of the potential sites of natural forest
types within the suite of areas under natural forest development (NWE)
compared to the total forest area.
|
Natürlicher Waldtyp
|
Wald gesamt
|
NWE
|
PQ
|
|
[ha]
|
[%]
|
[ha]
|
[%]
|
|
Birken-Eichenwälder frischer bis feuchter Standorte | 403.794 | 3,6 | 7.995 | 2,7 | |
Buchenwälder basen-/kalkreicher Standorte | 1.147.930 | 10,1 | 31.652 | 10,6 | 1,0 |
Buchenwälder mäßig basenreicher Standorte | 2.077.673 | 18,3 | 59.903 | 20,0 | 1,1 |
Buchenwälder bodensaurer Standorte | 5.852.068 | 51,5 | 113.274 | 37,9 | |
Eichen-Hainbuchenwälder frischer bis feuchter
Standorte | 470.866 | 4,1 | 10.887 | 3,6 | 0,9 |
Eichen-Hainbuchenwälder trocken-warmer Standorte | 234.670 | 2,1 | 3.094 | 1,0 | |
Eichenmischwälder trocken-warmer basenreicher
Standorte * | 6.075 | 0,1 | 230 | 0,1 | 1,4 |
Eichenwälder trocken-warmer bodensaurer Standorte | 206.676 | 1,8 | 9.262 | 3,1 | 1,7 |
Erlen-Sumpf- und Bruchwälder * | 13.971 | 0,1 | 577 | 0,2 | 1,6 |
Erlen-Ulmen-Auenwälder, Feuchtwälder und
Weiden-Auenwälder | 307.294 | 2,7 | 13.969 | 4,7 | 1,7 |
| 48.881 | 0,4 | 11.581 | 3,9 | 9,0 |
Sand- und Silikat-Kiefernwälder | 257.071 | 2,3 | 10.600 | 3,5 | 1,6 |
Moorwälder | 197.324 | 1,7 | 11.996 | 4,0 | 2,3 |
| 51.966 | 0,5 | 2.924 | 1,0 | 2,1 |
Summe | 11.276.259 | 99,3 | 287.944 | 96,3 | |
PQ = Proportionalitätsquotient * Seltene natürliche Waldtypen mit
Anteil am Gesamtwald < 1 % ** Unterrepräsentierte natürliche
Waldtypen mit PQ < 0,9 Es gehen nur räumlich dokumentierte NWE-Flächen in die
Bewertung ein. |
4 Perspektiven für die Erweiterung der NWE-Kulisse
Da das Ziel der NBS noch nicht erreicht ist und zudem die
EU-Biodiversitätsstrategie mit einem Flächenanteil von 10 % streng geschützter
Gebiete neue ambitionierte Ziele setzt (Europäische Kommission 2020), ist zukünftig von einer weiteren
Vergrößerung der Waldfläche mit natürlicher Entwicklung in Deutschland
auszugehen.
Vor diesem Hintergrund ist relevant, dass über die in der Bilanz erfassten,
dauerhaft und rechtsverbindlich gesicherten NWE-Flächen hinaus weitere faktisch
nutzungsfreie Wälder existieren (Engel et al.
2016a; Engel 2019;
Steinacker et al. 2020; BMEL 2021). Auf vielen dieser Flächen ist
von einer Synergie zwischen einem hohen naturschutzfachlichen Wert und einem
geringen Nutzungsinteresse auszugehen. Für die Identifizierung jener wahrscheinlich
ungenutzten Wälder wurde bereits ein Modell entwickelt und mit den Ergebnissen der
Repräsentativitätsanalyse verknüpft (Engel
2019). Auf der Suche nach potenziellen weiteren NWE-Gebieten kann
eine solche Modellierung Hinweise auf ggf. geeignete Bestände
liefern, die einen wichtigen Beitrag zur Auflösung von Zielkonflikten zwischen
Schutz- und Nutzungszielen leisten würden.
Bei der Suche nach neuen NWE-Flächen sind Gesichtspunkte des zukünftigen
Flächenmanagements von großer Bedeutung. Um spätere Konflikte zu vermeiden, müssen
bereits bei der Flächenauswahl und -abgrenzung Belange der Verkehrssicherung, des
Forstschutzes, des Wildtiermanagements und der Besucherlenkung beachtet werden. Auch
bestehende Naturschutzvorgaben – z. B. auf Grundlage der
Fauna-Flora-Habitat(FFH)-Richtlinie –, die einem Prozessschutz entgegenstehen, oder
sonstige rechtliche Verpflichtungen sind zu berücksichtigen.
5 Betreuung von NWE-Flächen: Erfahrungen aus der Praxis
Das an der Nordwestdeutschen Forstlichen Versuchsanstalt (NW-FVA) angesiedelte
Forschungsvorhaben „Natürliche Waldentwicklung in Deutschland – operationale und
systematische Ergänzung der bestehenden Flächenkulisse (NWeos)“ bereitet viele
Problem- und Fragestellungen bei der Umsetzung von NWE in Form von Praxishilfen auf.
Die Erfahrungen und Sichtweisen von Expertinnen und Experten sowie Stakeholdern
werden in den Prozess der Problemidentifikation und Lösungsentwicklung eingebunden.
Zu diesem Zweck wurde Anfang 2022 eine digitale Workshopreihe veranstaltet, durch
die sich rund 100 Vertreterinnen und Vertreter verschiedener Interessensgruppen zu
NWE austauschen konnten. Die folgenden Abschnitte geben Einblicke in die Ergebnisse
der Workshops.
5.1 Auswahl neuer NWE-Flächen
Für die Auswahl neuer NWE-Flächen empfahlen die Expertinnen und Experten eine
Kombination systematischer Ansätze (z. B. modellgestützte Herleitung nach bestimmten
Kriterien) mit Vor-Ort-Prüfungen (u. a. auf Zielkonflikte abgleichen, Bereitschaft
der Waldbesitzerinnen und -besitzer ermitteln). Sie verwiesen auf die
Auswahlprozesse in Niedersachsen und Baden-Württemberg als Vorbilder einer
systematischen Schutzgebietsplanung (Meyer
et al. 2015; Seebach, Braunisch
2022). Zwischen den anwesenden Vertreterinnen und Vertretern der
Bundesländer konnte ein gewisser Dissens hinsichtlich der Gewichtung zwischen
wirtschaftlichen (bevorzugt Grenzwirtschaftswald, Extremstandorte, Splitterflächen,
geringe Wuchsleistung) und naturschutzfachlichen Auswahlkriterien festgestellt
werden. Zu den naturschutzfachlichen Qualitätskriterien für Einzelflächen gehören
insbesondere die Flächenform (kompakt, unzerschnitten), eine naturnahe
Baumartenzusammensetzung und Umgebung, ein hohes Baumalter, Reichtum an Totholz und
Mikrohabitaten, eine lange Habitatkontinuität und die Abwesenheit von Neophyten
sowie pflegebedürftigen Biotopen und Arten (vgl. Engel et al. 2019). Wie die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der
Expertenworkshops betonten, sei bei der Auswahl neuer Flächen auch auf die
Verknüpfung des 5 %-Ziels mit dem 2 %-Wildnisziel aus der NBS zu achten.
5.2 Einrichtung von NWE-Flächen
Im Zuge der Einrichtung sollten die ausgewählten Flächen formal für den
Prozessschutz gesichert, in Betriebs- und Kartenwerken dokumentiert und im Gelände
gekennzeichnet werden (z. B. Abgrenzung von Beständen, Warnbeschilderung an Wegen,
Informationstafeln zur Aufklärung von Besucherinnen und Besuchern). Auch eine
zeitlich befristete Erstinstandsetzung kann nach Meinung der Expertinnen und
Experten in bestimmten Fällen sinnvoll sein. Diese könne bspw. die Entnahme nicht
heimischer Bestockung, die Wiederherstellung des natürlichen Wasserhaushalts oder
Initialpflanzungen beinhalten. Vorstellbar seien auch Maßnahmen zur Bekämpfung
invasiver Arten unter der Voraussetzung, dass die Erfolgsaussichten groß sind. Mit
nicht mehr zu verdrängenden Neophyten müsse hingegen der Umgang erlernt werden. Das
aktive Einbringen von Arten (z. B. holzzersetzende Pilze, Käfer, gewünschte
Baumarten) kann nach Ansicht einiger Workshopteilnehmerinnen und -teilnehmer zu
einer Verbesserung der Ausgangssituation beitragen, wenn Zielarten in der
Großlandschaft nicht vorhanden sind.
5.3 Betreuung von NWE-Flächen
Obwohl in NWE-Flächen eine natürliche Dynamik angestrebt wird, können auch nach
der Ersteinrichtung bestimmte Eingriffe rechtlich notwendig werden. Dies betrifft
insbesondere Verkehrssicherungs- und Forstschutzmaßahmen, Brandbekämpfung sowie das
Schalenwildmanagement.
Über alle Betreuungsthemen hinweg zeichnete sich dringender Handlungsbedarf bei
der Implementierung von NWE-Flächen in die Gesetzgebung ab. Beispielhaft seien hier
die Vorgaben aus der Wiederaufforstungs- bzw. Wiederbewaldungspflicht, die
Schadensersatzpflicht aus § 823 des Bürgerlichen Gesetzbuchs (BGB) und
die ordnungsgemäße Forstwirtschaft/gute fachliche Praxis genannt. Weiterhin wurde
die Öffentlichkeitsarbeit und Kommunikation mit Betroffenen als übergreifender
Lösungsansatz für viele Betreuungsfelder hervorgehoben.
Verkehrssicherung und Wegemanagement auf NWE-Flächen
Auf den Workshops herrschte Konsens, dass die Themen Verkehrssicherung,
Besucherlenkung und Wegemanagement Waldbesitzerinnen und -besitzer in den
NWE-Flächen stark beschäftigen. Lage und Form einer NWE-Fläche (Siedlungsnähe,
Tourismusdestination, Zerschneidungsgrad, umgebende Landnutzungsform) haben dabei
gemäß den Erfahrungsberichten Auswirkungen auf die Betreuungserfordernisse, was die
Bedeutung einer vorausschauenden Flächenauswahl unterstreicht. Ein Ansatz zur
Verringerung der Erfordernisse zur Verkehrssicherung ist die Reduzierung des
Wegenetzes in NWE-Flächen. Die Expertinnen und Experten waren sich einig, dass Wege,
wo immer möglich, in NWE-Flächen aufgegeben werden sollten. Außerdem sollte die
Wegeproblematik bereits bei der Flächenauswahl berücksichtigt werden. Bei der
Durchsetzbarkeit von Wegsperrungen wurde berichtet, dass häufig eine illegale
Weiternutzung „aus Gewohnheit“ stattfinde. Neben dem natürlichen Zuwachsen könnten
gezielte Pflanzungen (z. B. Weißdorn − Crataegus, Schwarzdorn – Prunus
spinosa), Erdwälle, querliegende Baumstämme/-kronen oder Steinbrocken und
ein Rückbau der Deck- und Tragschicht die Frequentierung der aufgelassenen Wege
verringern. Öffentlichkeitsarbeit, Beschilderungen und die Anpassung von
Kartenmaterial könnten dazu beitragen, Konflikte zu vermeiden. Die Expertinnen und
Experten wiesen darauf hin, dass oftmals ein Grundbestand an Wegen für die
Brandbekämpfung, die Verbindung zu benachbarten Wirtschaftswäldern, als
Rettungswege, für die Jagd und die Erholung aufrecht erhalten werden müsse.
Forstschutz auf NWE-Flächen
Die Erfahrungsberichte zeigten, dass auch in NWE-Flächen Forstschutzmaßnahmen
durchgeführt werden. Betroffen seien insbesondere Fichten, Eichen und vereinzelt
Kiefern. Forstschutzeingriffe in NWE-Flächen wurden mit dem Schutz angrenzender
Wirtschaftswälder begründet. Aus den Praxisbeispielen wurde deutlich, dass sich
Probleme v. a. dann ergeben, wenn viele kleine NWE-Flächen eingestreut im
Wirtschaftswald liegen. Auf den Workshops bestand Konsens, dass der Umfang eventuell
notwendiger Eingriffe so gering wie möglich gehalten werden sollte. Aufgrund von
Zeitdruck, wirtschaftlichen Abwägungen und begrenzten personellen und finanziellen
Ressourcen wurde im Rahmen des Forstschutzes dennoch bisher überwiegend eine
konventionelle Holzentnahme angewandt. Die Expertinnen und Experten forderten eine
bessere Personal- und Finanzausstattung, die für Einzelfallabwägungen und
alternative Behandlungsmethoden (z. B. Rindenschlitzen, Rindenstreifen, Entrinden;
vgl. Hagge et al. 2019) notwendig
wären.
Neben dem Schutz angrenzender Wirtschaftswälder wurden Maßnahmen in Einzelfällen
auch mit der Erhaltung von Eichen-Lebensraumtypen begründet. Die Mehrheit der
Expertinnen und Experten stufte jene Eingriffe jedoch als unvereinbar mit der
Zielsetzung einer ungesteuerten NWE ein und empfahl, pflegebedürftige Eichenwälder
möglichst nicht in die NWE-Kulisse aufzunehmen (vgl. Abschnitt 5.1).
Als weitere Forstschutzthematik ist der Umgang mit Waldbränden zu nennen.
Waldbrände traten in der Vergangenheit hauptsächlich in Kiefernbeständen in Folge
von Fahrlässigkeit oder auch Brandstiftung auf. Problematisch sei die
Brandbekämpfung insbesondere, wenn Gebiete mit Kampfmitteln belastet sind. Auch bei
Waldbränden gelte der Grundsatz, die umliegenden Wirtschaftswälder und die
öffentliche Sicherheit nicht zu gefährden, weshalb i. d. R. zügig eine aktive
Bekämpfung durchgeführt wurde. Die Anwesenden sahen Forschungsbedarf zu Feuer als
einem potenziellen natürlichen Störungsfaktor und wünschten sich betriebliche
Handreichungen und Leitfäden, die eine vorsorgende Planung für den Brandfall
beinhalten.
Wildtiermanagement und Jagd in NWE-Flächen
Als weiterer wichtiger Themenbereich wurden Wildtiermanagement und Jagd in
NWE-Flächen beleuchtet. Auch hier sollte nach Ansicht der Expertinnen und Experten
der Einfluss des Menschen so weit wie möglich zurückgenommen werden. Bei Verzicht
auf Bejagung könne es jedoch zu Konflikten mit den Jagd- und z. T. den
Naturschutzgesetzen, dem Wildschadens- und Tierseuchenrecht, der EU-Verordnung über
invasive Arten, dem Eigentumsrecht sowie Verordnungen einzelner Schutzgebiete
kommen. Zur Vorbeugung von Konflikten wurde die Einführung überregionaler
Wildtiermanagementpläne vorgeschlagen, die als Planungsinstrument in die Regional-
oder Landschaftsplanung eingebunden werden. In Hinblick auf zulässige jagdliche
Infrastruktur und Methoden zeichnete sich auf den Workshops eine Präferenz für
Schwerpunkt- und Intervalljagden in NWE-Flächen ab, in deren Rahmen wenige
Drückjagden im Jahr durchgeführt werden dürften. Weitere Standards könnten sein:
Verzicht auf Freischneiden und Kirrungen (Ausbringen von Futter für das Anlocken von
Wildtieren), Bejagung der NWE-Gebiete von außen, Reduktion der motorbetriebenen
Wildbergung und damit der Befahrung von Beständen und Verwendung naturbelassener
Materialien für Ansitzvorrichtungen. In die Konzeptentwicklung sollten die
Jagdberechtigten selbstverständlich eingebunden werden.
Monitoring auf NWE-Flächen
Ein aussagekräftiges und belastbares Biodiversitätsmonitoring ist erforderlich,
um die Auswirkungen der natürlichen Entwicklung von NWE-Gebieten auf die biologische
Vielfalt zu ermitteln. Die langfristige Beobachtung der sich selbst regulierenden
Waldentwicklung kann wichtige Beiträge zu zentralen Fragen der Forstwirtschaft, der
Naturschutzbiologie und der Ökologie im Allgemeinen liefern (Meyer 2020). In diesem Kontext wurde von
den Expertinnen und Experten eine Koordinationsstelle für NWE-bezogene Forschung in
Deutschland vorgeschlagen. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer schätzten den
derzeitigen Wissenstransfer sowohl zwischen Bundesländern als auch in die Praxis
(z. B. Ableitung waldbaulicher Empfehlungen) als deutlich ausbaufähig ein. Zudem
fehle es an Ansprechpartnerinnen und -partnern zu der Thematik auf Bundesebene. Dass
die Vernetzung und Kooperation zwischen den bestehenden Forschungseinrichtungen
verbessert werden müssen und langfristig angelegte Forschungsinfrastrukturen
benötigt werden, attestiert auch der Wissenschaftliche Beirat für Waldpolitik (WBW)
in seinem Gutachten aus dem Jahr 2021 (WBW
2021). Die Expertinnen und Experten waren sich außerdem einig, dass
eine gemeinsame Datenbasis für Deutschland geschaffen werden sollte, auf die für
verschiedenste Vorhaben zugegriffen werden kann. Hiermit verbunden wären eine
gemeinsame Datenhaltung und die Abstimmung zwischen Forschungseinrichtungen
bezüglich zu erhebender oder ggf. schon vorhandener Basisdaten. Als weitere Anregung
für die künftige Ausrichtung des Naturwaldmonitorings wurde die frühzeitige
Einbindung der Forst- und Naturschutzpraxis vorgeschlagen.
5.4 Sicherung und Förderung von NWE-Flächen
Das Forschungsvorhaben NWeos erarbeitet auch eine Synopse zur Sicherung und
Förderung von NWE in Deutschland. Für die Anerkennungsfähigkeit nutzungsfreier
Waldflächen als NWE-Fläche im Sinne der NBS wird eine dauerhafte und verbindliche
Sicherung vorausgesetzt (vgl. Tab. 1).
Für die Zukunft regten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Workshops an, gezielt
verschiedene Sicherungsinstrumente je nach Flächengröße und Besitzart zu nutzen und
somit auf die Diversität der Waldbesitzerinnen und -besitzer und ihrer Interessen
einzugehen. Bei der Orientierung an der Flächengröße wurden für kleinere Flächen
„einfachere“ Instrumente, wie langfristiger Vertragsnaturschutz oder die
dokumentierte Eigenbindung, favorisiert. Übereinstimmend mit den Ergebnissen der
NWE-Bilanz nannten die Anwesenden die Selbstbindung im Staats-/Landeswald und
öffentlich-rechtliche Instrumente (z. B. Verordnungen auf Grundlage des Naturschutz-
bzw. Waldgesetzes) als die häufigsten Formen der Sicherung. Teilweise überlagerten
sich die Kategorien. Darüber hinaus wurden Vertragsnaturschutz,
Kompensation/Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen und die Absicherung im Staatswald per
Ministerialerlass genannt. Die Verwendung von Ökokonten als
Sicherungsmaßnahme wurde kontrovers diskutiert. In Nordrhein-Westfalen existiert der
Sonderfall von Wildnisentwicklungsgebieten. Die grundsätzliche Einführung einer
eigenen NWE-Kategorie im Waldgesetz traf − ebenso wie die pauschale Ausweisung als
Naturschutzgebiete oder die Aufnahme als Grundpflicht der Waldbewirtschaftung in der
guten fachlichen Praxis − auf gemischte Reaktionen unter den Teilnehmerinnen und
Teilnehmern. Einige Interessensvertreterinnen und -vertreter lehnten sowohl
ordnungsrechtliche Mittel als auch die Stilllegung weiterer Waldflächen
grundsätzlich ab.
Folgende Fördermöglichkeiten für NWE wurden genannt: Vertragsnaturschutz über
die Maßnahmengruppe 5E (Förderbereich 5: Forsten, Maßnahmengruppe E:
Vertragsnaturschutz im Wald) der Gemeinschaftsaufgabe Agrarstruktur und Küstenschutz
(GAK), der Wildnisfonds als Teil des Bundesnaturschutzfonds, Pachtlösungen sowie die
neuen bzw. angekündigten Förderinstrumente „Klimaangepasstes Waldmanagement“
(Meyer et al. 2023) und
„Aktionsprogramm Natürlicher Klimaschutz“ (ANK). Auch Stiftungen böten Förderungen
für NWE-Flächen an. Attraktiv ausgestaltete Förderinstrumente stellten dabei durch
ihre Anreizwirkung eine wichtige Komponente für die Erweiterung der NWE-Kulisse dar.
Einer der größten Konsenspunkte während der Workshops war der Bedarf an
Beratungsangeboten. Hinderlich für die Umsetzung von NWE seien nicht nur die geringe
finanzielle Ausstattung der Fördertöpfe, sondern auch der Mangel an Informationen zu
Fördermöglichkeiten sowie zur Thematik NWE insgesamt, die ungeklärten
Zuständigkeiten und das fehlende Vertrauen bei Waldbesitzerinnen und -besitzern.
Auch eine Befreiung von der Grundsteuer und den Pflichtbeiträgen bspw. für Wasser-
und Bodenverbände wäre als indirekte Förderung von NWE vorstellbar.
6 Fazit und Ausblick
Seit Verabschiedung der NBS im Jahr 2007 sind erhebliche Fortschritte bei der
Umsetzung des 5 %-Ziels erreicht worden. Der Anteil der bundesweiten NWE-Fläche hat
sich seit der ersten Erhebung im Jahr 2012/2013 um fast 142.000 ha auf inzwischen
rund 355.000 ha erhöht, was einem Anteil von 3,1 % an der Waldfläche entspricht. Ein
weiterer Anstieg in den kommenden Jahren ist wahrscheinlich. Bei der Erweiterung der
NWE-Kulisse sind möglichst systematische Planungsansätze zu verfolgen, die Synergien
zwischen naturschutzfachlichen und ökonomischen Interessen nutzen und das spätere
Flächenmanagement von Anfang an berücksichtigen. Die bisherige Verteilung der
NWE-Flächen ist mit Blick auf die abgedeckte Vielfalt an standörtlichen Bedingungen,
Baumarten, Größen- und Altersklassen überwiegend positiv zu bewerten. Bei der
praktischen Umsetzung von NWE verbleiben hingegen zahlreiche offene Fragen und
Problemstellungen. Für deren Klärung kann auf den Erfahrungen der
Schutzgebietsverwaltungen, öffentlichen Forstbetriebe sowie Stiftungen und Verbände
beim Management von NWE-Gebieten aufgebaut werden. Eine NWE sollte fakultativer
Bestandteil der ordnungsgemäßen Forstwirtschaft bzw. guten fachlichen Praxis der
Waldbewirtschaftung sein. In diesem Sinne besteht Handlungsbedarf bei der
Implementierung von NWE in die Gesetzgebung. Darüber hinaus sollten die Beratung von
Waldbesitzerinnen und -besitzern erheblich verbessert und operationale
Handlungsempfehlungen zur Betreuung von NWE-Flächen erarbeitet werden.
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Förderung und Dank
Die hier präsentierten Ergebnisse beruhen auf mehreren durch das Bundesamt für
Naturschutz (BfN) mit Mitteln des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz,
nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz (BMUV) geförderten Forschungsvorhaben. Das
im Juni 2023 beendete Vorhaben „Natürliche Waldentwicklung in Deutschland –
operationale und systematische Ergänzung der bestehenden Flächenkulisse (NWeos)“
wurde durch den Ressortforschungsplan 2019, Einzelplan 16, Kapitel 1604, Titel 54401
gefördert. Die Autorin und die Autoren danken dem BfN und BMUV für die Förderung.
Ihr Dank gilt darüber hinaus den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Workshops für
ihre konstruktiven Diskussionsbeiträge zum Thema „Umsetzung von NWE“.