Frank Uekötter
Zusammenfassung
Das Essay bietet einen Überblick über das inhaltliche Profil der Zeitschrift
„Naturschutz“ in der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft. Dabei wird
deutlich, dass die von Walther Schoenichen herausgegebene Zeitschrift zunächst
im Zeichen der Annäherungsversuche an die neuen Machthaber stand. Nach der
Verabschiedung des Reichsnaturschutzgesetzes 1935 war die Zeitschrift Teil des
Bestrebens, die neuen gesetzlichen Möglichkeiten auszureizen. Damit stand der
Naturschutz politisch und moralisch auf einer abschüssigen Ebene, die jedoch
kaum als ernsthafte Herausforderung erkannt wurde. Die meisten
Naturschützerinnen und Naturschützer nutzten die Möglichkeiten eines autoritären
Regimes ohne erkennbare Skrupel. Die NS-Geschichte des Naturschutzes ist damit
eine Warnung vor einem Natur- und Umweltschutz, der sich ganz auf sein
Kernanliegen konzentriert und den gesellschaftlich-politischen Rahmen
ausblendet.
Naturschutz – Nationalsozialismus – Drittes Reich – Reichsnaturschutzgesetz (1935) – Walther SchoenichenAbstract
The essay provides an overview of the “Naturschutz” nature conservation
journal during the Third Reich. It shows how the editor Walther Schoenichen used
the journal as a vehicle to “work towards the Führer” and pitch nature
protection as a quintessential Nazi goal. After the far-reaching National
Conservation Law of 1935, the journal was part of the collective effort of the
conservation community to tease out the new opportunities. This put
conservationists on a slippery slope in political and moral terms, and few
showed reservations in using the tools of an authoritarian regime. The article
argues that the history of conservation in Nazi Germany demonstrates the dangers
of a narrow focus on conservation issues without due consideration of political
and social contexts.
Nature protection – Conservation – National Socialism – Third Reich – National Conservation Law (1935) – Walther SchoenichenInhalt
Es gibt in jeder Zeitschrift Beiträge, die man besser abgelehnt hätte. Und es
gibt die Aufsätze, die Walther Schoenichen in den Monaten nach der
nationalsozialistischen Machtergreifung für die Zeitschrift „Naturschutz“ schrieb,
aus der die heutige „Natur und Landschaft“ hervorging. Im Oktober 1933 erläuterte
der Leiter der Staatlichen Stelle für Naturdenkmalpflege in Preußen in einem
rhetorischen Rundumschlag, warum „der Naturschutz dazu berufen erscheint, im
Bildungswesen des Dritten Reiches eine bevorzugte Stellung einzunehmen“. Unter
emsigem Verweis auf Zitate des „Führers“ kritisierte Schoenichen die Gefahren der
modernen Technik, die Emanzipation der Frauen und „die Überheblichkeit eines
übersteigerten Intellektualismus, der unser ganzes Kulturleben in naturentfremdete
und naturwidrige, ungesunde und unvermeidlich ins Verderben führende Bahnen gelenkt
hat“ (Schoenichen 1933c: 2 bzw. 1). Da
bleibt auf den ersten Blick nicht viel zu diskutieren.
Es war auch keine einmalige Entgleisung. Im August 1933 hatte Schoenichen mit
Hitler-Zitaten zum Kampf gegen den „Vergnügungskitsch“ aufgerufen, denn nur eine von
solchem Schund gereinigte Landschaft könne dem deutschen Volk die nötige Stärke
vermitteln: „Träger der Gedankenwelt des Nationalsozialismus kann nur ein Volk sein,
das sicher in der für seine Art und Rasse bezeichnenden Eigenprägung ruht, das die
Kraft findet, die an seinem Mark fressenden fremden Einflüsse grundsätzlich
auszuschalten“ (Schoenichen 1933b: 208
bzw. 205). Es fehlt nicht an ideologisch einschlägigen Zitaten, die die unheilvolle
Nähe des Naturschutzes zur Gedankenwelt des Nationalsozialismus dokumentieren, und
etliche Veröffentlichungen haben solche Äußerungen mit empörtem Tonfall dokumentiert
(vgl. jüngst Marian, Müller 2020;
Franke 2024). In einer Zeit, in der
Rechtspopulistinnen und -populisten sowie Rechtsextremistinnen und -extremisten
Oberwasser verspüren, gewinnen solche Zitatcollagen unvermeidlich eine besondere
Anziehungskraft. Im 21. Jahrhundert werden keine Naturschützerinnen und
Naturschützer, die sich der freiheitlichen Demokratie verpflichtet fühlen, solche
Äußerungen ohne ein Gefühl von Abscheu und Scham lesen können, und es liegt nahe, im
Lichte dieser Zitate jede weitere Debatte für überflüssig zu erklären. Dabei bliebe
jedoch die entscheidende Frage ungestellt: Wie kam es eigentlich zu diesen
unsäglichen Zitaten? Indem dieser Aufsatz eine Antwort umreißt, möchte er zugleich
aufzeigen, wie mit solchen Zitaten eine innere Fremdheit zwischen heutigem und
damaligem Naturschutz suggeriert worden ist, die dringend hinterfragt werden
muss.
1 Das Zitat und die Tat
Es ist frappierend, wie schnell einschlägige Autorinnen und Autoren ins
Schleudern kommen, wenn sich der Blick über die literarischen Ergüsse hinaus auf die
praktische Naturschutzarbeit weitet. Es ist kaum zu bezweifeln, dass es auch im
NS-Staat aufrichtigen Einsatz für gefährdete Naturobjekte gab und manchmal auch
naturschutzfachlich Neuland betreten wurde. Aber wie redet man über solche Erfolge,
wenn sie „verstrickten“ Personen zu verdanken sind? Reinhard Piechocki erklärte
kürzlich, es bedürfe hier „einer differenzierten Betrachtung und Wertung“ – eine
Einschätzung, die längst nicht mehr zeitgemäß ist (Piechocki 2020). So schrieb man in den
Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg über Menschen „mit Vergangenheit“, die
verdienstvolle Arbeit geleistet hatten, aber leider ideologisch „anfällig“ gewesen
waren. Im Stile der deutschen Zeugnisarithmetik wurden dann politische Defizite mit
Leistungen auf anderen Feldern verrechnet, so dass es am Ende mit etwas gutem Willen
noch für ein „vollbefriedigend“ reichte. Eine Biographie lässt sich nicht
nachträglich in angenehme und anrüchige Teile separieren.
Die Fokussierung auf einzelne Personen und nationalsozialistische Rhetorik hat
zu manchen historiographischen Verrenkungen geführt, die man als Kuriosum betrachten
könnte, wenn sie nicht so gravierend wären. Ein Beispiel ist Hans-Werner Frohns
Darstellung im Jubiläumsband des Bundesamtes für Naturschutz von 2006, wo er
Schoenichen mit falschen Informationen zum überzeugten Nazi stilisierte. „Im
Dezember 1932 kündigte Schoenichen der Weimarer Demokratie seine Loyalität auf und
beantragte die Aufnahme in die NSDAP“, steht da zu lesen (Frohn 2006: 158). Tatsächlich ist
Schoenichen in der Mitgliedskartei der Nationalsozialistischen Deutschen
Arbeiterpartei (NSDAP) mit dem Eintrittsdatum 1.3.1933 verzeichnet (Mitgliedsnummer
1510121); damit war er einer der „Märzgefallenen“, die auf
Grund der offenkundigen opportunistischen Motive von den alten Kämpfern der Partei
verachtet wurden.
Auch in den Veröffentlichungen des Vielschreibers Schoenichen deutet alles
darauf hin, dass sein Gesinnungswandel in die Zeit nach der Machtergreifung
fiel. „Insgesamt ergibt sich aus unseren kurzen Betrachtungen die Erkenntnis, daß
wir in Deutschland auf dem Gebiet der Naturdenkmalpflege und des Naturschutzes auch
nach dem Weltkriege weiterhin beachtliche Fortschritte erzielt haben, ja daß wir uns
in mancher Hinsicht durchaus noch in führender Stellung befinden“, schrieb
Schoenichen im Januar 1933 in „Naturschutz“ (Schoenichen 1933d: 66). Das klingt nicht gerade nach einem Autor, der
mit der Republik von Weimar gebrochen hat. Wer die inneren Überzeugungen des
obersten preußischen Naturschützers als Schlüssel zur NS-Geschichte des
Naturschutzes betrachtet, läuft einer Chimäre nach, und das gilt gleichermaßen für
das Gros der damaligen Naturschützerinnen und Naturschützer. In aller Regel folgten
sie im NS-Staat nicht ideologischen Prinzipien, sondern politischen Opportunitäten
(hierzu ausführlich Uekoetter 2006; für
alle übergreifenden Aspekte wird auf diese Studie verwiesen).
Autoritäre Regime funktionieren nicht nur durch Repression, sondern auch durch
positive Anreize für Funktionseliten. Die ungeheure Dynamik des NS-Staats wurzelte
auch in seiner Anziehungskraft für Männer, die zur intellektuellen und praktischen
Selbstmobilisierung bereit waren. Schoenichen war nur einer von zahlreichen
Funktionsträgern, die das eigene Anliegen nach der Machtergreifung zu einem
Kernanliegen der Nationalsozialistinnen und Nationalsozialisten erklärten, weil das
in den neuen Zeiten der beste Weg zum Erfolg war. Im NS-Staat zählte die
Bereitschaft zur Tat, jedenfalls für den männlichen Teil der Bevölkerung. Man
wartete nicht passiv auf Anweisungen von oben, sondern schritt vielmehr mit
maskuliner Tüchtigkeit voran, um dann vom Führer oder seinen Satrapen zu gegebener
Zeit für seinen Einsatz belohnt zu werden. Man müsse „dem Führer entgegen arbeiten“,
beschrieb Ian Kershaw die Gesinnung der nationalsozialistischen Funktionseliten
unter Rückgriff auf ein Quellenzitat (Kershaw
1998: 663). Man kann die ersten Ausgaben von „Naturschutz“ im Dritten
Reich auch als Deklaration verstehen, dass der Naturschutz verstand, was die Stunde
geschlagen hatte.
2 Annäherungsversuche
In Schriften aus der frühen NS-Zeit kam es nicht zwingend auf plausible
Argumente oder intellektuelle Stringenz an. Man kann die ziemlich wilde Mischung der
Feindbilder in Schoenichens Aufsätzen auch als Ausdruck einer Unsicherheit
verstehen, welcher der Punkte bei den neuen Machthabern verfangen würde. Auch die
Annäherung an eine Diktatur wollte gelernt sein. Wie man es besser nicht
anging, zeigte Schoenichen mit seinem eindringlichen „Appell der deutschen
Landschaft an den Arbeitsdienst”, der 1933 im Mai-Heft von „Naturschutz“ erschien.
Die Kultivierung von Ödland durch den Reichsarbeitsdienst gefährdete schützenswerte
Gebiete und das vertraute Landschaftsbild, aber sie war zugleich ein
propagandistisch aufgeladenes Lieblingsprojekt der neuen Machthaber. Die blieben
unbeeindruckt, wenn Schoenichen vor der „öden Geometrisierung und Betonisierung der
deutschen Landschaft“ warnte und im schönsten Behördendeutsch erklärte, die eigene
Stelle halte sich „für jedwede weitere Auskunft […] zur Verfügung“ (Schoenichen 1933a: 146 bzw. 145).
Man sollte sich auch nicht zu sehr darüber wundern, dass Schoenichens Invokation
von Hitler-Zitaten sich bei genauem Hinschauen als recht freihändig erweist. Joachim
Radkau hat schon vor zwei Jahrzehnten darauf hingewiesen, dass die Kluft zwischen
Hitlers Gedankenwelt und der Praxis des Naturschutzes ziemlich groß war. Erst im
Zweiten Weltkrieg fand sich ein prägnantes Führerzitat mit klarem thematischem
Bezug, als Hitler den Wert der Hecken bei der Landschaftsentwicklung in den
eroberten Ostgebieten hervorhob. Die Vogelschützerinnen und Vogelschützer machten
sich an die Arbeit und veröffentlichten eine Broschüre: „Der Führer hält seine
schützende Hand über unsere Hecken” (Radkau
2003: 45). Philologische Sauberkeit war bei der Selbstmobilisierung
eher hinderlich. Wenn man mit der eigenen Lesart falsch lag und das eigene Anliegen
nicht verfing, merkte man das früher oder später, und zwar meist dadurch, dass
Postulate ignoriert wurden. Kaum eine Naturschützerin bzw. kaum ein Naturschützer
machte sich Sorgen, für unbotmäßige Äußerungen sanktioniert zu werden, und so gab es
stets einen bemerkenswerten Pluralismus von Äußerungen und Tonlagen, der sich auch
in den Beiträgen von „Naturschutz“ dokumentiert. Es gab politisch gesetzte Grenzen
des Akzeptablen, aber keineswegs eine naturschutzfachliche offizielle Linie, der
Autorinnen und Autoren unter Strafandrohung folgen mussten. Zudem gab es eine
offenkundige Distanz zu den nationalsozialistischen Kernzielen. Schoenichen schrieb
zwar 1935 in der Besprechung eines Buchs von Paul Schultze-Naumburg, dass „das
Bestreben der Reinerhaltung der einzelnen Rassentypen ganz sicherlich in den
Vorstellungskreis des Naturschutzgedankens gehört”, fügte jedoch im gleichen Atemzug
an, dass „der praktische Naturschutz mit diesen Dingen unmittelbar nichts zu tun
hat“ (Schoenichen 1935a: 321).
Nicht jeder, der „dem Führer entgegenarbeitete“, wurde für seinen Einsatz
belohnt. Wenn der ersehnte Gunsterweis ausblieb, lief das in der Regel auf eine
innere Distanz zum NS-Staat hinaus, die Martin Broszat als Resistenz bezeichnet hat
(vgl. Broszat 1981: 697 – 699). Auch
beim Naturschutz deutete zwei Jahre nach der Machtergreifung viel auf eine
unenthusiastische Koexistenz von Naturschutz und Nationalsozialismus hin, die man
keinesfalls als Widerstandsgeist missverstehen sollte. Es ging nicht um einen
offenen Kampf gegen das NS-Regime und auch nicht um Zweifel an dessen politischer
Legitimation, sondern eher um die resignierte Einsicht, dass sich die Ziele des
Führers nun einmal von den eigenen unterschieden. Dann jedoch kam der Moment, der
für den deutschen Naturschutz alles veränderte. Im Juni 1935 verabschiedete das
nationalsozialistische Kabinett das Reichsnaturschutzgesetz, und damit ging – so
Schoenichen in der nächsten verfügbaren Ausgabe von „Naturschutz“ – „ein
langgehegter Wunsch aller Freunde der deutschen Heimatnatur in Erfüllung“ (Schoenichen 1935b: 243).
War das der Lohn für Schoenichens emsiges Werben um die Gunst der neuen
Machthaber in den Seiten von „Naturschutz“? Mit dem Machtspiel, das zur
Verabschiedung des Reichsnaturschutzgesetzes führte, hatte Schoenichen nicht viel zu
tun, und entscheidend war letztlich die Initiative Hermann Görings, der den
Naturschutz auf diesem Wege seinem Reichsforstamt unterordnete. Es lag freilich in
der Natur autoritärer Regime, dass die Genese politischer Entscheidungen unklar
blieb: Anders als Demokratien hatten sie kein Interesse, Transparenz über
Entscheidungsprozesse zu schaffen. Die wichtigste Regel im NS-Staat war, dass es
keine verlässlichen Regeln mehr gab, sondern vielmehr ein ewiges Ringen der
mannigfaltigen Interessenten. Da galt das Gesetz des Dschungels, und selbst mächtige
Verbündete waren kein Garant für Erfolg. So war das Gesetz von 1935 machtpolitisch
gesehen ein ungedeckter Scheck, dessen Wert sich erst in den folgenden
Auseinandersetzungen zeigen würde. Das war für viele Naturschützerinnen und
Naturschützer aber zunächst weniger wichtig als das Gefühl, endlich am Tisch der
Mächtigen zu sitzen. „Nun hat der Reichsforstmeister Göring auch den Naturschutz in
seine starke Hand genommen und unseren Bestrebungen das reichsgesetzliche Rückgrat
gegeben“, jubelte der Bund Naturschutz in Bayern in einem Rundschreiben an
Gruppenführer und Vertrauensmänner vom August 1935.
3 Auf der schiefen Ebene
Wer im Wissen um die nationalsozialistischen Verbrechen in den Ausgaben von
„Naturschutz“ stöbert, wundert sich unvermeidlich über die profunde Harmlosigkeit
vieler Beiträge. Der bisweilen martialische Tonfall, den Schoenichen in den Monaten
nach der Machtergreifung anschlug, erwies sich weder für die Beiträge in
„Naturschutz“ noch für ihn selbst als stilprägend. Schoenichens Kommentare zum
Reichsnaturschutzgesetz spiegeln das gelassene Selbstbewusstsein eines Mannes, dem
ein hervorragendes Gesetz in den Schoss gefallen war und der nun die eigenen
Mitstreiterinnen und Mitstreiter mit „knappen Gebrauchsanweisungen” über die neuen
Möglichkeiten aufklärte. Am Schluss seiner Ausführungen wollte Schoenichen „der
Hoffnung Ausdruck geben“, dass sich die neuen Bestimmungen „bei der praktischen
Naturschutzarbeit, die mit dem neuen Jahre überall tatkräftig einsetzen wird, als
nützlich erweisen können“ (Schoenichen
1936b: 4). Diese Linie änderte sich auch nach 1938 unter Hans Klose
nicht grundsätzlich.
Schoenichen war klar, dass es bei der Umsetzung v. a. auf das Engagement und das
taktische Geschick seiner Mitstreiterinnen und Mitstreiter ankam. Diese müssten
„eine gewisse Findigkeit darin zeigen, wie man die hier und dort auftauchenden
Schwierigkeiten überwinden kann”, erklärte er 1936 auf der ersten Reichstagung für
Naturschutz (Schoenichen 1936c: 273).
Die neuen Strukturen ließen Überlegungen zu strengen Direktiven von der Zentrale
auch wenig Raum. Das Reichsnaturschutzgesetz hatte die preußische Aufgabenteilung
von Naturschutzbeauftragten und Behörden übernommen, die Ersteren enorme Freiräume
gewährte, die man im deutschen Obrigkeitsstaat nicht ohne Weiteres erwarten würde.
Naturschutzbeauftragte konnten Themen und Vorgehensweisen nach eigenem Gutdünken
festlegen, und wenn sie das als Lizenz interpretierten, in ihrem
Zuständigkeitsbereich als Volkstribunen des Naturschutzes aufzutreten, dann war das
kein juristisches Problem, sondern vielmehr vorbildhaftes Engagement.
Aber wie ermunterte man Naturschützerinnen und Naturschützer, das neue Gesetz
nach Kräften auszureizen? Man konnte betonen, dass die neue Reichsstelle für
Naturschutz unter Schoenichen „für Auskünfte und Ratschläge zur Verfügung“ stand. Es
sprach ja auch alltagspraktisch einiges für eine „enge Fühlung zwischen den Stellen
im Lande und der Reichsstelle“ und eine „einheitliche Gestaltung der deutschen
Naturschutzarbeit“, aber es lässt die Unverbindlichkeit solcher Appelle erkennen,
dass diese Sätze unter dem Titel „Winke für die praktische Naturschutzarbeit“
erschienen (Schoenichen 1936b: 4).
Letztlich blieb nur moralischer Druck, der aber keinesfalls als Affront für jene
wirken durfte, die es eher gemütlich angehen ließen: Viele Naturschutzbeauftragte
arbeiteten ehrenamtlich und waren entsprechend sensibel, wenn sie von Menschen mit
Vollzeitstellen ermahnt wurden. In einem Aufsatz schrieb Schoenichen, die
Beauftragten seien „sozusagen die Stimme des Gewissens in allen Naturschutzfragen“,
und diese Stimme möge „immer hell erklingen“. Behörden hatten das Recht, deren
Vorschläge zu ignorieren, aber sie „übernehmen damit auch – wenn sie den Mahnungen
ihres ‚Gewissens‘ nicht Folge geben können – die volle Verantwortung vor der
Gegenwart und vor der Zukunft“ (Schoenichen
1936a: 27).
Auch nach dem Reichsnaturschutzgesetz finden sich in „Naturschutz“ tiefbraune
Aufsätze. In dieser Hinsicht tat sich etwa Hans Schwenkel hervor, der im Mai 1937
auf dem Schwäbischen Lehrgang für Landschaftspflege zu den „praktischen Aufgaben der
Landschaftspflege” erklärte: „Die treibende Kraft für diese neue Landschaftspflege
kann nur die nationalsozialistische Weltanschauung mit ihren biologischen
Grundgedanken sein“ (Schwenkel 1937:
138). Der Verzicht auf solche Formulierungen bedeutete jedoch keineswegs im
Umkehrschluss, die Autorinnen und Autoren hätten sich gegenüber den Verlockungen des
Nationalsozialismus als immun erwiesen. Man konnte auch ohne rhetorische Exzesse der
Ansicht sein, dass im Führerstaat endlich Menschen regierten, die das Anliegen des
Naturschutzes verstanden – ganz anders als die schwächliche Republik von Weimar. Es
gab ein neues Gesetz und neue Verbündete, und das war für viele Naturschützerinnen
und Naturschützer eine geradezu rauschhafte Erfahrung.
Man kann sich rückblickend nur wundern, wie vorbehaltlos die Aktiven das
faustische Bündnis mit dem NS-Staat eingingen. Merkten sie nicht, dass sie sich
damit politisch und moralisch korrumpierten? Gab es wirklich keine Gewissensbisse,
wenn Naturschutzbeauftragte mit NS-Größen paktierten oder die entschädigungslose
Enteignung naturschutzwürdiger Flächen betrieben, die Paragraph 24 des
Reichsnaturschutzgesetzes ausdrücklich erlaubte? Es war riskant, in einem
totalitären Staat über solche Zweifel zu reden, und natürlich kam niemand auf den
Gedanken, darüber einen Aufsatz für „Naturschutz“ zu schreiben. Aber auch nach dem
Ende der nationalsozialistischen Herrschaft finden sich kaum Indizien für
selbstkritische Nachgedanken, inwiefern in der praktischen Naturschutzarbeit Grenzen
überschritten wurden. Sehr wohl findet sich eine nostalgische Verklärung der kurzen
Zeit, in der außergewöhnliche Dinge möglich schienen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg erklärte Hans Klose, seit 1938 Schoenichens
Nachfolger an der Spitze der Reichsstelle für Naturschutz, die Jahre nach dem
Reichsnaturschutzgesetz müssten als die „hohe Zeit des deutschen Naturschutzes“
gelten (Klose 1949: 40). Inzwischen
wissen wir, dass der Höhenrausch einen Preis hatte. Die Enteignungsoption wurde
nachweislich genutzt, um Grundstücke für den Naturschutz zu sichern (Uekoetter 2006: 142 – 145). In Bayern
betrieben Naturschützerinnen und Naturschützer die Arisierung eines Kalkwerks und
versuchten, Insassinnen und Insassen des Konzentrationslagers Flossenbürg für
Arbeiten in einem benachbarten Naturschutzgebiet zu rekrutieren (Hölzl 2013: 53 f.). Mitten im Weltkrieg
versuchte Hans Klose, Heinrich Himmler im Kampf gegen einen Staudamm in der
Wutachschlucht im Südschwarzwald zu mobilisieren. „Wenn überhaupt etwas zu machen
sein wird, so nur auf dem Wege über die SS“, schrieb er im Juni 1943 ohne erkennbare
Gewissensbisse und hoffte auf einen „Führerentscheid“. Für einige Zeit
glaubte der Naturschutz, am ganz großen Rad drehen zu können, und das konnte man mit
der entsprechenden mentalen Konditionierung als enthusiasmierend empfinden. Himmler
spielte allerdings nicht mit. Bedauernd erklärte ein SS-Obergruppenführer im
August 1943, der Reichsführer-SS habe „gerade in letzter Zeit unerhört wichtige und
vordringliche Aufgaben zu meistern“. Wir wissen heute, dass er den Holocaust
meinte.
4 Jenseits der Komfortzone
Es dürfte deutlich geworden sein, dass die populären Zitatcollagen auf ein
fulminantes argumentatives Eigentor hinauslaufen. Sie propagieren ein
Verdammungsurteil, das aber offenlässt, was da eigentlich verdammt werden soll. Für
die Naturschützerinnen und Naturschützer der NS-Zeit ging es nicht darum, ob sie
„Nazis sein“ oder „sauber bleiben“ wollten. Die ideologisch korrekte Haltung in
naturschutzfachlichen Fragen blieb umstritten, und man konnte als Naturschützerin
oder Naturschützer problemlos durch die NS-Zeit kommen, ohne je rhetorisch die Topoi
der nationalsozialistischen Weltanschauung zu bedienen. Entscheidend war vielmehr
die Bereitschaft der Naturschützerinnen und Naturschützer, die neuen
Arbeitsmöglichkeiten im Rahmen eines totalitären Regimes nach Kräften auszureizen.
In der Gesamtschau zeigen sich hier bestürzend wenige Vorbehalte, ja noch nicht
einmal ein spürbares Bewusstsein, dass es solche Vorbehalte überhaupt geben sollte.
Naturschützerinnen und Naturschützer standen damit im NS-Staat auf einer schiefen
Ebene, und wie weit sie dort in Richtung Abgrund schlitterten, war eher eine Frage
der Opportunitäten. Die NS-Geschichte des Naturschutzes ist damit eine Warnung vor
einem Natur- und Umweltschutz, der sich ganz auf sein Kernanliegen konzentriert und
den gesellschaftlich-politischen Rahmen ausblendet.
Die braunen Flecken des Naturschutzes sind seit Jahrzehnten unstrittig, und das
ist auch gut so. Aber das Entsetzen über unsägliche Zitate läuft leicht auf einen
Verfremdungseffekt hinaus, der unangenehme Fragen nach handlungsleitenden Motiven
und habituellen Prägungen gar nicht erst aufkommen lässt. Man kann aus der
NS-Erfahrung des Naturschutzes nur dann mehr als das Offenkundige lernen, wenn man
den Gedanken zulässt, dass uns die damaligen Naturschützerinnen und Naturschützer
ähnlicher waren, als es im Lichte der einschlägigen Zitate scheint. Hier stehen dem
Naturschutz schwierige Debatten ins Haus, und sie werden nicht bloß theoretischer
Natur sein. Schon bald könnte der deutsche Naturschutz sich in einer Situation
wiederfinden, die jener von 1935 nicht ganz unähnlich ist. Inzwischen muss man mit
der Möglichkeit rechnen, dass es in der Bundesrepublik eine Landesregierung unter
Beteiligung einer rechtspopulistischen Partei geben wird. Es ist gut möglich, dass
die Partei das Umweltressort übernimmt und ein bahnbrechendes Gesetz zum Schutz von
Heimat und Natur auf den Weg bringt. Die folgenden Debatten kann man sich unschwer
vorstellen, und es ist fatal, dass es kaum historische Studien gibt, die in einer
solchen Situation Orientierung bieten. Mit simplen Zitatcollagen wird man jedenfalls
nicht weit kommen. Das Problem wird nämlich noch längst nicht gelöst sein, wenn die
einschlägigen xenophoben Reizvokabeln im Gesetzestext fehlen.
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Dank
Ich danke Marie Eckardt für die Unterstützung bei der Recherche.
Fußnoten