Ingmar R. Staude, Alexandra Dehnhardt, Rolf A. Engelmann, Eva Foos, Dagmar Haase, Katrin Kaltofen, Jori Marx, Joschka Meyer, Marius Munschek, Thomas Puhlmann, Ronny Richter, Reinhard Witt, Tobias Bode und Christian Wirth
Zusammenfassung
Gärten, einst vom Naturschutz als naturferne und biodiversitätsarme Lebensräume betrachtet, werden durch aktuelle Forschung neu bewertet. In Zeiten des Klimawandels und der Biodiversitätskrise haben sie erhebliches Potenzial, die Artenvielfalt und Resilienz urbaner Ökosysteme zu fördern. Sie können sogar als Artenspeicher fungieren und so dabei helfen, sowohl die schwindende heimische als auch agrarische Biodiversität zu bewahren. Besonders Kleingärten, die in Anlagen organisiert größere zusammenhängende Grünflächen bilden, spielen hierbei eine wichtige Rolle. Angepasst an historisch wechselnde gesellschaftliche Bedürfnisse könnten Kleingärten heute − gestützt durch ihre institutionellen Rahmenbedingungen − als Vorreiter ökologischer und gesellschaftlicher Transformation fungieren. Im vorliegenden Beitrag werden die aktuelle Situation, die Herausforderungen und das Potenzial von Kleingärten zur Biodiversitätsförderung beleuchtet. Zudem wird ein evidenzbasierter Handlungsleitfaden zur Optimierung der Biodiversitätsleistung von Kleingärten durch gezielte Gestaltung, Pflege und Gemeinschaftsbildung präsentiert. Auf politischer Ebene, unterstützt durch Kleingartenverbände von Bundes- bis Stadtebene sowie Kleingartenvereine, lassen sich die notwendigen Rahmenbedingungen schaffen, um diesen Wandel entscheidend zu fördern. Wir plädieren dafür, Kleingärten zu einer zentralen Säule des gesellschaftlichen Engagements für die Erhaltung der Biodiversität zu machen.
Kleingärten – transformativer Wandel – städtische Biodiversität – gemeinschaftliches Naturschutzengagement – nachhaltige StadtplanungAbstract
Gardens, once viewed by conservationists as biological deserts, are being reassessed in light of recent research. Amidst the challenges of climate change and the biodiversity crisis, they hold significant potential to enhance the biodiversity and resilience of urban ecosystems. They can even act as species reservoirs, helping to preserve both the diminishing native and agricultural biodiversity. In particular, allotment gardens, which create larger, interconnected green spaces, play a vital role. Adapted to historically changing societal needs, allotment gardens today, supported by their institutional framework, could act as pioneers of ecological and societal transformation. This paper explores the current situation, the challenges, and the potential of allotment gardens to promote biodiversity and presents evidence-based guidelines for maximising the biodiversity performance of allotment gardens through targeted design, maintenance, and community building. Policymakers, supported by allotment garden federations from the federal to the city level as well as local allotment garden associations, can create the necessary framework conditions to decisively promote this transformation. We advocate making allotment gardens a central pillar of societal engagement in biodiversity conservation.
Allotment gardens – Transformative change – Urban biodiversity – Community engagement in conservation – Sustainable urban planningInhalt
1 Einleitung
Mit einer Fläche von über 44.000 ha sind deutsche Kleingärten ein bedeutender urbaner Grünraum, flächenmäßig vergleichbar mit den Nationalparks Bayerns (BBSR 2019). Wie alle städtischen Grünflächen tragen sie durch Lärmreduktion, Staubbindung, Verdunstungseffekte, Niederschlagsaufnahme und als Kaltluftschneisen wesentlich zur Steigerung der Lebensqualität in Ballungszentren bei (Gómez-Baggethun, Barton 2013). Doch in einigen ökologisch relevanten Bereichen übertreffen Kleingärten öffentliche Grünanlagen meistens deutlich, etwa bei der nachhaltigen CO2-Speicherung in den Hortisolen (Gartenböden) der Parzellen (Klingenfuß et al. 2019) sowie bei der Artenzahl pro m2 (BDG 2008). Hinzu kommen bedeutende soziale Funktionen, angefangen bei der Selbstversorgung der Nutzerinnen und Nutzer, über kostenfreie oder kostengünstige Bildungsangebote zu gärtnerischen und umweltfachlichen Themen, bis hin zur Förderung allgemeiner Naturerfahrung sowie sozialer Integration (Borysiak, Mizgajski 2016). All das geschieht unabhängig von Religion, Kultur, Bildung, sozialem Hintergrund und Alter. Diese Leistungen könnten weiter ausgebaut werden, um die Biodiversität zu schützen und die Wertschätzung für ökologische Potenziale in Siedlungsräumen sowie die Naturverbundenheit der ca. 5 Mio. Menschen mit Zugang zu einer Kleingartenparzelle zu steigern. Angesichts des beschleunigten Artenrückgangs und der wachsenden ökologischen Herausforderungen durch den Klimawandel ist es zeitgemäß, die Rolle von Kleingärten für die Biodiversitätserhaltung neu zu bewerten. Der vorliegende Beitrag analysiert die aktuelle Situation, beleuchtet historische Hintergründe, Herausforderungen und das Potenzial von Kleingärten zur Biodiversitätsförderung. Schließlich bietet er einen evidenzbasierten Handlungsleitfaden, um soziale und ökologische Ziele miteinander zu verbinden und bestehende Herausforderungen zu meistern.
2 Von historischen Wurzeln zur ökologischen Zukunft der Kleingärten
Die Entwicklung der Kleingärten in Deutschland reflektiert den sozialen und politischen Wandel seit dem 19. Jahrhundert (Poniży et al. 2021). Ihren Ursprung finden sie in den Armengärten, die in wachsenden Städten Armut lindern und Selbstversorgung fördern sollten. Parallel dazu entstanden Mitte des 19. Jahrhunderts die Schrebergärten. Ursprünglich zur körperlichen Ertüchtigung im Freien − insbesondere von Kindern − und zur Unterstützung der elterlichen Erziehung gedacht, entwickelten sie sich zu familiären Erholungsorten. Im Nationalsozialismus wurden Kleingärten im Rahmen der Autarkiebestrebungen zur Verringerung der Lebensmittelimporte genutzt und dienten zugleich der ideologischen Instrumentalisierung. In der Deutschen Demokratischen Republik wurden sie aufgrund der häufigen Lebensmittelknappheit systematisch von der Politik gefördert und reguliert, insbesondere zur Versorgung mit Frischobst und -gemüse. In der Bundesrepublik Deutschland entwickelten sich Kleingärten eher zu beliebten Erholungs- und Freizeitstätten, bei denen weniger die Selbstversorgung als vielmehr die Selbstverwirklichung durch Gestaltung der Gärten im Vordergrund stand. Am 1. April 1983 trat das Bundeskleingartengesetz (BKleingG) in Kraft, das einen einheitlichen Rahmen für Kleingärten in Deutschland schuf, wobei der Anbau von Gartenbauerzeugnissen zum Eigenbedarf ein zentrales Merkmal und eine Grundvoraussetzung für deren Schutz ist.
Heute bieten Kleingärten viele wichtige kulturelle Ökosystemleistungen (Borysiak, Mizgajski 2016). Sie sind Räume für interkulturellen Austausch, soziale Integration und Naturerfahrung, wobei letzteres besonders während der COVID-19-Pandemie an Bedeutung gewonnen hat (Egerer et al. 2022). Gleichzeitig machen der fortschreitende Klimawandel und der zunehmende Biodiversitätsverlust die ökologische Gestaltung städtischer Räume immer dringlicher. Die urbane Verdichtung führt zu einem stetigen Rückgang grüner Infrastrukturen, was sich negativ auf die lokale Artenvielfalt und die Ökosystemleistungen auswirkt, die für die Resilienz urbaner Ökosysteme gegen Hitze, Trockenheit, starke Niederschläge und Schädlinge kritisch sind. In diesem Zusammenhang spielen Kleingärten eine wichtige Rolle: Sie tragen bedeutend zur Klimaregulation und Kaltluftproduktion bei (Rost et al. 2020) und können unter günstigen Bewirtschaftungsbedingungen Schlüsselelemente für Biodiversität und Habitatvielfalt sein (BDG 2008; Owen 2010; Borysiak et al. 2017). Angesichts ihrer historischen Anpassungsfähigkeit an gesellschaftliche Bedürfnisse, die Kleingärten von reinen Selbstversorgungsorten zu multifunktionalen Räumen wandelten, besteht heute das Potenzial, sie als wichtigen Baustein zur Biodiversitätsförderung neu zu definieren und anzuerkennen. Sie können nicht nur die Eigenversorgung mit regionalen und saisonalen Lebensmitteln, Gesundheit, Erholung, soziale Gerechtigkeit und Zusammenhalt fördern, sondern auch verstärkt als Orte dienen, an denen Menschen aktiv zur Biodiversität beitragen. Kleingartenverbände und -vereine sind dabei, diesen Biodiversitätsaspekt stärker hervorzuheben und in das Kleingartenwesen zu integrieren (BKD 2021).
3 Die unterschätzte und oft übersehene Bedeutung urbaner Gärten für die Biodiversität
Die Anerkennung von Gärten, einschließlich Klein- und Schrebergärten sowie Privatgärten, als ökologisch wertvolle Räume hat sich erst kürzlich durch Fortschritte in der Gartenökologie − einem in den letzten zwei Jahrzehnten zunehmend wichtigen interdisziplinären Forschungsfeld − entwickelt (Delahay et al. 2023). Zuvor wurden Gärten oft als bewusst künstlich und naturfern gestaltete, neuartige Räume mit geringem Wert für den Naturschutz angesehen. So charakterisierte bspw. Charles Elton − einer der Pioniere der modernen Ökologie − Gärten als „biologische Wüsten“ (Elton 1966). Weiterhin – und in diesem Fall zutreffend – wurden Gärten wegen ihres Beitrags zur Ausbreitung gebietsfremder, zum Teil invasiver Arten von Ökologen kritisiert (Reichard, White 2001; van Kleunen et al. 2018). Aufgrund dieser Sichtweise wurde der ökologische Wert von Gärten in der Wissenschaft bis vor kurzem eher vernachlässigt. Kleingärten werden laut Bundeskompensationsverordnung (BKompV) als ähnlich ökologisch wertvoll wie Sportrasenplätze eingestuft, was die hohe Diversität von Kleingärten keinesfalls widerspiegelt.
Gärten bieten großes Potenzial als ökologische Nischen, die in der modernen Agrarlandschaft selten geworden sind. Ihre Kleinteiligkeit in Kombination mit vielfältigen Gestaltungs- und Pflegeansätzen ermöglicht es, innerhalb und zwischen Gärten eine sehr hohe Anzahl von Pflanzenarten zu kultivieren und eine reiche strukturelle Vielfalt zu schaffen. Obwohl der Zustand mancher Gärten weit davon entfernt ist, existiert eine wachsende Zahl an solchen, die zeigen, dass urbane Gärten Biodiversitätshotspots sein können (Witt 2013). So lassen sich in einem 900 m2 großen Privatgarten in Dortmund 810 (22 %) der insgesamt 3.651 in Deutschland heimischen Arten (etablierte Indigene und Archäobiota; Metzing et al. 2018) finden. Über 28 Jahre hinweg wurden zudem 121 Wildbienenarten, 128 Schwebfliegenarten und 103 Pflanzenwespenarten erfasst, was etwa 22 %, 28 % bzw. 14 % der gesamten deutschen Artenvielfalt dieser Gruppen entspricht (Witt 2013).
Eine andere Studie dokumentiert auf rund 50 ha Kleingartenfläche verteilt über Deutschland 2.094 Kulturpflanzenarten (BDG 2008). Allein basierend auf dieser Stichprobe werden zwei- bis viermal so viele Obst- und Gemüsesorten in Kleingärten angebaut wie in der Landwirtschaft oder im Produktionsgartenbau (BDG 2008). Trotz ihres geringen Anteils an der agrarwirtschaftlich genutzten Fläche in Deutschland tragen Kleingärten somit in hohem Maße zur Erhaltung der Agrobiodiversität bei, insbesondere für alte Kulturpflanzensorten, die in der industrialisierten Landwirtschaft verloren gegangen sind (BDG 2008; Dietrich 2014). Vergleichsstudien zu artenreichen natürlicheren Habitaten wie Kalkmagerrasen oder urbanen Naturschutzgebieten zeigen zudem, dass Gärten eine ähnliche oder höhere Vielfalt an Pflanzen (Thompson et al. 2003), Bestäubern (Baldock et al. 2019) und Säugetieren (Hansen et al. 2020) aufweisen können.
Gärten erweisen sich auch als unerwartete Schutzräume für viele heimische Arten (d. h. Arten aus der eumitteleuropäischen Florenregion). Sie können regional ausgestorbenen oder kritisch gefährdeten Arten wichtige Refugien bieten (Segar et al. 2022; Munschek et al. 2023; Offord, Zimmer 2023). So kommen bspw. der Acker-Meier (Asperula arvensis L.) und die Bittere Schleifenblume (Iberis amara L.), laut bundesweiter Roter Liste (Metzing et al. 2018) beide in Deutschland verschollen oder ausgestorben, noch in Gärten vor (Witt 2013). Ebenso können Arten wie der Zarte Gauchheil (Anagallis tenella L.), dessen Bestände in den letzten 60 Jahren um 99,9 % zurückgegangen sind (Eichenberg et al. 2021) oder der extrem seltene Französische Milchlattich (Cicerbita plumieri [L.] Kirschl.) stabile Populationen in Gärten bilden (Ralf Engel, pers. Mitt.).
Darüber hinaus können Gärten nicht nur die Ausbreitung nicht-heimischer, sondern auch heimischer Pflanzenarten fördern. Häufig kultivierte heimische Pflanzenarten haben im Mittel positivere Populationstrends in Deutschland als selten oder überhaupt nicht kultivierte Arten (Segar et al. 2022; Staude 2024). Selbstverständlich hat die Förderung gefährdeter Arten in Gärten auch klare Grenzen. Hochspezialisierte Arten, etwa aus Mooren oder Hochgebirgen, können in Gärten nur begrenzt Schutz erfahren. Manche gefährdeten Arten benötigen ihre natürlichen Lebensräume dringend zum Überleben. Einzelne Gärten bieten außerdem nur kleine Flächen und es bleibt zu erforschen, bei welchen Arten sich hier stabile Populationen entwickeln können. Die obigen Befunde unterstreichen dennoch, dass Gärten unerwartet vielfältig und sowohl für naturschutzfachlich relevante Arten als auch für die Agrobiodiversität von Bedeutung sein können.
4 Herausforderungen und Chancen von Kleingärten
Dem Kleingartenwesen gewährt das BKleingG besonderen Schutz und legt gleichzeitig Verpflichtungen für alle Pächterinnen und Pächter fest. Kleingärten definiert es wie folgt: „Ein Kleingarten ist ein Garten, der […] insbesondere zur Gewinnung von Gartenbauerzeugnissen […] dient” (sog. „kleingärtnerische Nutzung“; § 1 Abs. 1 Punkt 1 BKleingG). Gleichzeitig lässt das Gesetz viele Freiheiten, die kleingärtnerische Nutzung gestalterisch nach eigenen Vorlieben umzusetzen und fordert zudem „die Belange des Umweltschutzes, des Naturschutzes und der Landschaftspflege […] bei der Nutzung und Bewirtschaftung des Kleingartens [zu berücksichtigen]“ (§ 3 Abs. 1 BKleingG). Trotzdem werden diese Aspekte in der Praxis nicht in der Konsequenz verfolgt, wie es möglich wäre (Abb. 1a, b). Traditionell werden Parzellen klar strukturiert angelegt mit abgegrenzten Anbauflächen, Rasenflächen sowie einer Laube und Wegen. Dies erschwert bspw. Anbaumethoden, bei denen eine Kombination von Nutz- und Wildpflanzen die Pflanzengesundheit und Nützlinge fördert und so dazu beitragen kann, den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln zu reduzieren. Obwohl viele Kleingartenanlagen mittlerweile Koniferen und invasive Neophyten verbieten, führt begrenztes Wissen über Arten und ökologische Zusammenhänge teils zu gut gemeinten, aber überzeichneten Regelwerken. So werden ökologisch wertvolle heimische Gehölze wie etwa Weißdorne (Crataegus L.), ausgeschlossen, aus Sorge, sie könnten Schädlinge anziehen oder Krankheiten ausbreiten. Gartenordnungen mit Vorgaben zur Förderung der Gartenfauna, bspw. durch die Anlage von Durchgängen für Tiere, sind bislang nicht bekannt.
Abb. 1: Vision für biodiversitätsfördernde Kleingärten. a) Ein konventionell gestalteter Kleingarten mit versiegelten Wegen, nicht-heimischen Zierpflanzen und Nadelbäumen, vorwiegend zur Selbstversorgung genutzt. b) Ein auf Artenvielfalt ausgerichteter Kleingarten mit naturnahen, bewachsenen Wegen, sandig-kiesigen Flächen für erdnistende Tiere, einer bewachsenen Trockenmauer, überwiegend heimischen Pflanzenarten und einem begrünten Laubendach. c) Luftbild der Anlage des Kleingartenvereins NW18 in München, wo 90 % der Parzellen nach zertifizierten Prinzipien zur Steigerung der Naturnähe gestaltet sind. d) Im Kleingartenverein NW18 lassen Hecken statt Zäune Durchgänge für Tiere offen, Wiesen-/Sandwege statt Asphalt bilden zusätzliche Biotope mit Kühlungseffekten und grüne Korridore sowie eine große Strukturvielfalt werden durch viele Bäume und Sträucher geschaffen. a), b) Reinhard Witt; c) Michael Ackermann; d) Tobias Bode (Fotos: )
Fig. 1: Vision for biodiversity-promoting allotment gardens. a) A conventionally designed allotment garden with sealed paths, non-native ornamental plants and conifers, mainly used for self-sufficiency. b) A biodiversity-oriented allotment garden with near-natural, overgrown paths, sandy-gravelled areas for earth-nesting animals, an overgrown dry-stone wall, predominantly native plant species and a green pergola roof. c) Aerial view of the site of the allotment garden association NW18 in Munich, where 90 % of the plots are designed according to certified principles to enhance near-natural conditions. d) In the allotment garden association NW18, hedges instead of fences allow animals to pass through, meadow/sand paths instead of tarmac create additional biotopes with cooling effects and green corridors as well as a great variety of structures are created by many trees and shrubs.
Je nach Kleingartenanlagen können außerdem gesellschaftliche Erwartungen wie der Druck nach Ordnung und Sauberkeit sowie Vereinssatzungen dazu führen, dass Gartenbesitzerinnen und -besitzer sich verpflichtet sehen, ihre Gärten auf eine bestimmte Weise zu gestalten. Diese Gestaltung ist oft mit intensiven Pflegemaßnahmen verbunden, die zwar kaum Fachwissen, jedoch einen hohen Einsatz von Ressourcen erfordern. Wege innerhalb und außerhalb des Gartens werden meist frei von Bewuchs gehalten. Das ist besonders kritisch, wenn dies mithilfe von Feuer oder Pestiziden geschieht, weil so Lebensräume zerstört werden. Auch vermeintlich unschädliche Mittel wie Essig, Salz oder hochdosierter Kalkstickstoff werden aufgrund von Unwissenheit in diesem Bereich verwendet und gefährden Arten, aber auch das Grundwasser. Es ist davon auszugehen, dass in vielen Fällen die Flächen stark überdüngt werden, in gut gemeinter Absicht, den Kulturboden fruchtbar zu halten, wobei die Düngegaben oftmals auch als obligatorisch und notwendig erachtet werden. Naturverträgliche Maßnahmen zur Förderung der Bodengesundheit finden mittlerweile zwar mehr Beachtung, doch weitere und fortwährende Bildungsarbeit ist in diesem Bereich erforderlich. Rasenflächen und Gemüsebeete benötigen in der konventionellen Gestaltungsweise und Pflege viel Bewässerung, was angesichts der Herausforderungen des Klimawandels und sinkender Grundwasserstände Probleme bereitet. Gegenwärtig ist das ökologische Potenzial von Kleingärten nicht ausgeschöpft.
Kleingärten bieten jedoch gerade aufgrund ihrer institutionellen Rahmenbedingungen ideale Voraussetzungen für einen sozial-ökologischen Wandel (Egerer et al. 2020). Zu diesen Rahmenbedingungen zählen eine lange Tradition, ein hoher Organisationsgrad, Angebote der Fachberatung, starke regulative Vorgaben in Satzungen, räumliche Nähe, größere zusammenhängende Einheiten und ein repräsentativer Querschnitt aller Gesellschaftsschichten. Diese Strukturen zur Gemeinschaftsbildung könnten den Austausch von Wissen und Erfahrungen erheblich fördern, gemeinschaftliche Naturschutzprojekte unterstützen und das Umweltbewusstsein stärken. So könnten Kleingärten eine tragende Säule im gesellschaftlichen Engagement für die Biodiversität werden – ein Wandel, der von offiziellen Stellen als wertvoller Beitrag zum Gemeinwohl und als Antwort auf die Biodiversitätskrise anerkannt und finanziell unterstützt werden sollte und bereits wird. Der Deutsche Städtetag hat eine naturnähere Gestaltung von Kleingärten gefordert (Deutscher Städtetag 2019) und das Bundesnaturschutzgesetz (BNatSchG) in der geänderten Fassung aus dem Jahr 2022 betont die Bedeutung der Erhaltung von Kleingärten für den Naturschutz (§ 1 Abs. 6 BNatSchG). Das Bundesumweltministerium hat mit dem Weißbuch „Stadtgrün“ (BMUB 2017) und dem Masterplan Stadtnatur (BMU 2019) das Ziel gesetzt, das ökologische Bewusstsein im Kleingartenwesen zu stärken und dessen ökologische Bedeutung zu fördern. Das Projekt „Kleingärten für Biologische Vielfalt“ (https://kleingaerten-biologische-vielfalt.de/) hat Kapazitäten für Bildung und Beratung zur biologischen Vielfalt geschaffen. Zusammengenommen reflektiert dies ein förderliches politisches Klima für Kleingärten.
5 Fallbeispiel für das transformative Potenzial von Kleingärten
Die Transformation der Kleingartenanlage NW18 in München zu einer zertifizierten, naturnahen Anlage veranschaulicht, wie kleingartenspezifische institutionelle Rahmenbedingungen eine ökologische Transformation fördern können (Abb. 1c, d). Im Zentrum stand das Ziel, eine Zertifizierung durch die Initiative „Bayern blüht – Naturgarten“ zu erlangen, was eine kollektive Beteiligung aller 122 Vereinsmitglieder erforderte. Die Goldmedaille war nur erreichbar, wenn mehr als 90 % der Gärten die geforderten Kriterien (siehe LWG 2024) erfüllten. Der Vorstand lancierte das Projekt auf Basis einer klaren Vision und kommunizierte deutlich sowohl den ökologischen Nutzen als auch den Nutzen für die Anlage. Ein Widerspruchsverfahren förderte die Teilnahme: Mitglieder galten automatisch als teilnehmend, es sei denn, sie entschieden sich aktiv dagegen. Informationsflyer boten Aufklärung zur Zertifizierung und motivierten zu Rückfragen, was eine breite Resonanz fand. Unsicherheiten bezüglich Aufwand und Bedeutung der Zertifizierung wurden durch direktes Engagement des Vorstands adressiert, der als Ansprechpartner agierte. Einige Mitglieder nahmen früh eine Vorreiterrolle ein und fungierten als Multiplikatoren. Durch das gemeinschaftliche und interaktive Anlegen von Musterflächen, die demonstrierten, wie eine biodiversitätsfreundliche Gestaltung in der Praxis umgesetzt werden kann, wurden praktisches Wissen und Inspiration direkt vermittelt. So wurden Vereinsmitglieder auf Augenhöhe eingebunden, was Nachahmung und Motivation förderte. Die gemeinsame Zielsetzung und der sichtbare Fortschritt einzelner Gärten schufen eine positive Rückkopplungsschleife, die weitere Personen zur Teilnahme motivierte. Dies führte zu einer erfolgreichen Zertifizierung mit einer Goldmedaille. Das anschließende Medienecho verwandelte das Projekt in ein Leuchtturmbeispiel mit Strahlkraft auf andere Kleingartenvereine. Dieser Erfolg zeigt das enorme Multiplikationspotenzial von Kleingärten, in denen durch soziale Mechanismen ausgedehnte Flächen biodiversitätsfördernd gestaltet werden können.
6 Evidenzbasierte Leitlinien zur biodiversitätsfördernden Kleingartengestaltung
Obwohl viele gängige Ratschläge zur Förderung der Biodiversität in Gärten wissenschaftlich nicht ausreichend belegt sind − etwa zur Anlage von Insektenhotels und Brennnesselflächen (Gaston et al. 2005) − existiert ein breites Spektrum ökologischer Praktiken, die auf solider Forschung basieren (Delahay et al. 2023; Abb. 1). Wir haben solche Methoden aus der Gartenökologie zusammengetragen und einen evidenzbasierten Handlungsleitfaden entwickelt, der die Biodiversitätsleistung von Kleingärten erhöht. Wir stellen unsere Empfehlungen im Online-Zusatzmaterial unter https://www.natur-und-landschaft.de/extras/zusatzmaterial/ zur Verfügung und unterteilen diese in drei Schlüsselthemen: Förderung der Biodiversität durch 1) Pflanzen- und Strukturvielfalt, 2) Management und 3) Gemeinschaftsbildung. Unsere Empfehlungen zielen in erster Linie auf Kleingartenverbände und -vereine ab, die als institutionelle Einheit eine biodiversitätsfördernde Gestaltung in den von ihnen organisierten Kleingärten anstoßen oder durch Satzungsänderungen umsetzen können und besonders auf Vereinsebene auch wollen.
Verbände schulen ihre Mitglieder und bieten über die Gartenfachberatung die Möglichkeit, Kleingärtnerinnen und Kleingärtnern vor Ort fachlich zur Seite zu stehen und mögliche Hemmnisse, die auf individueller Ebene angesiedelt sind, zu adressieren. Die nahezu flächendeckende Fachberatung auf allen Ebenen der Organisationsstruktur bietet besondere Möglichkeiten, Biodiversitätsaspekte fachgerecht zu kommunizieren und Schulungen sowie Beratungen anzubieten. Kleingartenverbände und -vereine stellen einen bedeutenden Hebel für eine biodiversitätsfördernde Gartengestaltung dar, da sie in ihrem jeweiligen Zuständigkeitsbereich insgesamt ca. 5 Mio. Menschen erreichen können. Während kurzfristig Verbände und Vereine solche Änderungen in Eigenverantwortung und mit viel ehrenamtlicher Initiative vorantreiben können, bedarf es langfristig einer zielgerichteten Politikgestaltung, die die Rolle von Kleingärten für die Biodiversität anerkennt und auf unterschiedlichen Ebenen unterstützt.
7 Kleingärten als zentrale Säule nachhaltiger Städte
Angesichts des fortschreitenden Klimawandels und Biodiversitätsverlusts rücken die Förderung von Biodiversität und die ressourcenschonende Pflege von Freiflächen als bedeutende gesellschaftliche Aufgaben dringlicher denn je in den Fokus. Die Transformation von Kleingärten in Biodiversitätshotspots könnte eine Schlüsselrolle in der modernen Stadtplanung und im Umweltschutz einnehmen. Dies bedingt jedoch eine flächendeckende Neuorientierung in deren Nutzung und Gestaltung, um das ökologische Potenzial, das in Kleingärten ruht, zu wecken. Natur-, Arten-, und Ressourcenschutz sollten in den Vereinen zum verbindlichen Gestaltungsziel werden, um auf diese Weise in besonderem Maße städtische Gebiete für zukünftige Herausforderungen zu stärken und deren ökologische Resilienz zu verbessern. Kleingartenverbände bzw. Kommunen sind dazu aufgerufen, ihre Rahmenkleingartenordnungen unter Einbeziehung wissenschaftlicher Erkenntnisse zur Erhaltung und Förderung von Biodiversität zu hinterfragen und ggf. anzupassen. Politik und Stadtplanung sind aufgerufen, Kleingartenanlagen differenzierter und deren ökologischem Wert entsprechend in der BKompV zu bewerten und zu fördern.
Vermehrt gefördert werden könnten neben Bildungsprogrammen und Fachberatungen auch die Entwicklung und Umsetzung von Online-Portalen und Zertifizierungsprogrammen für biodiversitätsfördernde Parzellen bzw. Kleingartenanlagen, kleingärtnerische Citizen-Science-Projekte zur Georeferenzierung von Flora und Fauna, Foren zum Austausch und zur Vernetzung von Praxiswissen sowie die Verbindung von Kulturangeboten und Bewusstsein für biologische Vielfalt, um den Wert von Kleingärten für Nicht-Gärtnerinnen und -Gärtner zu verdeutlichen (siehe Online-Zusatzmaterial). Kleingärten könnten verstärkt zur wichtigen Schnittstelle zwischen sozialer Gemeinschaft, ökologischer Verantwortung und politischem Handeln werden, die den Weg für eine nachhaltige Entwicklung in urbanen Räumen ebnet und es zukünftigen Generationen ermöglicht, aktiv und eigeninitiativ zum Schutz der Biodiversität beizutragen.
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9 Online-Zusatzmaterial
Die evidenzbasierten Leitlinien zur biodiversitätsfördernden Kleingartengestaltung sind als Online-Zusatzmaterial über den QR-Code oder unter https://www.natur-und-landschaft.de/extras/zusatzmaterial/ abrufbar.