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Bedeutende Fledermausvorkommen in Steinbrüchen – ein unterschätzter Winterquartiertyp in alten Abbauwänden

Significant bat occurrences in quarries – Underestimated hibernation roosts in old quarry walls

DOI: 10.19217/NuL2023-11-01 • Manuskripteinreichung: 26.2.2023, Annahme: 16.8.2023

Frauke Meier, Guido Gerding, Veronika Zeus und Matthias Olthoff

Zusammenfassung

In vier alten Steinbrüchen der Baumberge (Nordrhein-Westfalen) wurden offene, spaltenreiche Abbauwände als Schwärm- und Winterquartier von mindestens acht Fledermausarten nachgewiesen. Der Nachweis erfolgte mithilfe einer Kombination verschiedener Methoden. Zur Beurteilung von Bestandsgrößen wurden Daten zweier bekannter Referenzquartiere mit herangezogen. Der so ermittelte Überwinterungsbestand in den vier Steinbrüchen liegt bei über 2.000 Individuen mit einem Anteil der Wasserfledermaus (Myotis daubentonii) von 43 %, gefolgt von der Bechsteinfledermaus (Myotis bechsteinii) mit 24 %. Insbesondere der hohe Anteil der Bechsteinfledermaus, die im Anhang II der Fauna-Flora-Habitat(FFH)-Richtline aufgeführt ist, unterstreicht die hohe naturschutzfachliche Bedeutung dieses Winterquartiertyps. Ein Vorkommen solch individuenreicher Fledermausquartiere in alten Abbauwänden war in Deutschland bisher nicht bekannt. Vor geplanten Eingriffen in Steinbrüchen – auch bei bereits genehmigten Verfüllungen – muss grundsätzlich nach Fledermausquartieren gesucht werden, um ein Eintreten von Verbotstatbeständen des § 44 Bundesnaturschutzgesetz (BNatSchG) auszuschließen.

Fledermäuse – Winterquartier – Schwärmquartier – Steinbruch – offene Steinbruchwand – Bechsteinfledermaus

Abstract

In four old quarries in the Baumberge region (North Rhine-Westphalia), open, rifted quarry walls have been verified as swarming and hibernation roosts for at least eight bat species. The verification was carried out using a combination of different methods. Data from two known reference roosts were used to estimate population sizes. The hibernating population determined at the four quarries is over 2,000 individuals with a proportion of Daubenton's bats (Myotis daubentonii) of 43 %, followed by Bechstein's bat (Myotis bechsteinii) with 24 %. In particular, the high proportion of Bechstein's bats, a species listed in Annex II of the Habitats Directive, underscores the major importance of this type of hibernation roost for bat conservation. In Germany, the occurrence of such highly populated bat roosts in old quarry walls was previously unknown. Before planned alterations in quarries, even for backfilling that has already been authorised, an examination for bat roosts must always be carried out in order to prevent triggering the prohibition contained in § 44 of the German Federal Nature Conservation Act.

Bats – Hibernaculum – Swarming roost – Quarry – Open quarry wall – Bechstein's bat

Inhalt

1 Einleitung

2 Untersuchungsgebiet

3 Untersuchungsabläufe und Methoden

4 Ergebnisse und Diskussion

4.1 Ergebnisse in den einzelnen Steinbrüchen

4.2 Nachgewiesene Fledermausarten

4.3 Aktivitätsverlauf

4.4 Weitere nachgewiesene Arten

5 Naturschutzfachliche Bewertung und Fazit

6 Literatur

Förderung und Dank

1 Einleitung

Seit über 1.000 Jahren wird in den Baumbergen im Nordwesten von Nordrhein-Westfalen (NRW) Sandstein aus bodennahen Schichten der Oberkreide gewonnen (Eichler, Lechtape 2022). Neben wenigen aktiven Steinbrüchen finden sich hier heute einige Dutzend aufgegebene, zumeist weitgehend verfüllte Steinbrüche. Insbesondere in der spätsommerlich-herbstlichen Schwärmphase vor Beginn des Winterschlafs kreisen Fledermäuse auffällig vor Quartieröffnungen und fliegen dort ein und aus. Dieses sog. „Schwärmen“ ist als Hinweis auf Winterquartiernutzung zu werten (van Schaik et al. 2015; Dietz, Kiefer 2020). Fledermäuse verlassen ihre Winterquartiere je nach Art zu unterschiedlichen Zeiten, wobei Abwanderungen bis in den Mai stattfinden können (Dietz, Kiefer 2020; Koch et al. 2023). In den Baumbergen sind seit Langem Schwärm- und Winterquartiere von Fledermäusen in Tiefbrunnen bekannt (Altum 1867; Landois 1883). Auch an mehreren Steinbrüchen wurden in den letzten Jahren in Herbstnächten zahlreiche schwärmende Fledermäuse beobachtet.

Die Nutzung oberirdischer Gesteinswände als Winterquartier durch Einzeltiere der Arten Mückenfledermaus (Pipistrellus pygmaeus), Nordfledermaus (Eptesicus nilssonii), Breitflügelfledermaus (E. serotinus), Mopsfledermaus (Barbastella barbastellus), Braunes Langohr (Plecotus auritus) und Myotis-Arten oder durch Kleingruppen der Arten Zwergfledermaus (Pipistrellus pipistrellus) und Großer Abendsegler (Nyctalus noctula) ist bekannt (z. B. Seiler, Grimm 1995; Zimmermann, Veith 1995; Wissing 1996; Dietz, Kiefer 2020; Andrews 2021). In Steinbrüchen wurden bisher einzelne überwinternde Braune Langohren, Fransenfledermäuse (M. nattereri), Kleine Bartfledermäuse (M. mystacinus), Breitflügelfledermäuse sowie Zwergfledermaus-Kleingruppen beschrieben (Zimmermann, Veith 1995; Andrews 2021). Fölling et al. (2013) wiesen in Steinbrüchen schwärmende Fledermäuse nach, ohne jedoch die eigentlichen Überwinterungsstrukturen näher untersucht zu haben.

Um herauszufinden, ob die Baumberger Steinbrüche die Funktionen von Schwärm- und Winterquartieren erfüllen, wurden drei Jahre lang Untersuchungen durchgeführt. Dabei wurde geprüft, ob offene Steinbruchwände als in der Region bisher unbekannte Fledermauswinterquartiere dienen, wobei die entsprechenden Gesteinsspalten identifiziert werden sollten. Ziel war es weiterhin, Kenntnisse über die Artenzusammensetzung zu erlangen und Bestandsgrößen anhand eines Vergleichs mit Referenzquartieren nachvollziehbar einzuschätzen.

2 Untersuchungsgebiet

Die Hügellandschaft der Baumberge (bis 187 m über Normalnull) überragt das ansonsten flache Kernmünsterland. Geologisch betrachtet stellt das Kernmünsterland eine Mulde aus kreidezeitlichen Gesteinen dar, die von quartären Lockersedimenten überlagert werden. Das oberflächennahe Gestein in den Baumbergen ist klüftig und Niederschlagwasser wird erst in tieferen Schichten angestaut (Göbel et al. 2022). Festes Gestein tritt nur an wenigen Stellen zutage (Beyer 1932).

Das bedeutendste bisher bekannte Fledermausquartier ist der als Fauna-Flora-Habitat(FFH)-Gebiet ausgewiesene Brunnen Meyer, der ca. 60 m tief in das Grundgestein geschlagen ist. Dauerhafte Lichtschrankenzählungen (Liba-16, Fa. Chiro-TEC) ergeben einen Überwinterungsbestand von bis zu 9.000 Fledermäusen aus acht Arten (Echolot GbR, Naturschutzzentrum Kreis Coesfeld e. V. 2020). Weitere besiedelte Tiefbrunnen sind bekannt, hierunter ein als Referenzquartier hinzugezogener ca. 40 m tiefer Brunnen (im Folgenden Referenzquartier RE genannt) mit bis zu 1.000 überwinternden Tieren (eigene Daten).

In den Jahren 2019 – 2021 wurden vier alte Steinbrüche (A – D) sowie als Referenz zwei bekannte Fledermaus-Winterquartiere (RE, RF) untersucht. Die untersuchten Quartiere liegen alle im Kreis Coesfeld in einer Entfernung von 1 bis 12 km zueinander. In den kleinen, maximal wenige Hektar großen Steinbrüchen wird seit mehr als 50 Jahren kein Gestein mehr abgebaut (Abb. 1). Während die Standorte A, C und D größtenteils verfüllt wurden, wurde in Steinbruch B, der über die längste offene Abbauwand verfügt, nur wenig Material eingebracht. An den Standorten A und D sind nur noch wenige Quadratmeter offen anstehende Steinbruchwand vorhanden (Abb. 1). Diese befinden sich unterhalb der Wurzelteller größerer, am oberen Rand der Abbruchwände wachsender Laubbäume. Die Steinbrüche B und C verfügen über größere Bereiche mit offenen anstehenden Gesteinswänden. Auch hier fördern alte Bäume an den Abbruchkanten durch Wurzelsprengung die Ausbildung von Spalten.

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Abb. 1: Die vier untersuchten Steinbrüche: a) Steinbruch A, b) Steinbruch B, c) Steinbruch C, d) Steinbruch D (Maßstabsleiste A – C: 5 m, D: 2 m).
Fig. 1: The four quarries studied: a) quarry A, b) quarry B, c) quarry C, d) quarry D (scale bar A – C: 5 m, D: 2 m).

3 Untersuchungsabläufe und Methoden

Im Zeitraum von August 2019 bis Oktober 2021 wurden Untersuchungen mit einer Kombination verschiedener Methoden durchgeführt (Bergmann et al. 2022; Thomas, Davison 2022; Abb. 2, 3). Zur Identifizierung von Quartieren wurden im Herbst mehrstündige Beobachtungen mit einer hochauflösenden Wärmebildkamera (Infratec VarioCAM hr − Weitwinkelobjektiv IR 1.0/12.5 LW Jenoptik) vorgenommen. Es wurde auf ein- und ausfliegende Tiere geachtet, konzentriertes Schwärmen wurde als Quartierhinweis gewertet (Dietz, Kiefer 2020), zeitgleich schwärmende Fledermäuse wurden gezählt. Da Fledermäuse schon während der Schwärmzeit im Winterquartier übertagen (d. h. den Tag schlafend oder ruhend verbringen) und es vornehmlich abends verlassen (eigene Daten), starteten alle Beobachtungen mit Sonnenuntergang.

Im Steinbruch C erfolgten vom 15. Februar bis 30. April 2021 über 11 Wochen systematisch verteilte, stichprobenartige Ausflugszählungen von im Frühjahr abwandernden Fledermäusen mithilfe der Wärmebildkamera. In diesem Zeitraum verlassen die unterschiedlichen Fledermausarten in den Baumbergen ihr Winterquartier (Trappmann 2005; Meier et al. 2022). Da ein konzentrierter Ausflug am frühen Abend stattfindet (eigene Daten), starteten die dreistündigen Zählungen bei Sonnenuntergang. Die Abbauwand gliedert sich in zwei Teilbereiche (C1 und C2). An C1 (40 m Länge) wurde an 15 Terminen, an C2 (20 m Länge) an 11 Terminen gezählt. Gelegentliche Einflugereignisse wurden von den Ausflügen subtrahiert, die Summen als überwinternde Fledermäuse gewertet. Die so ermittelten 26 Ausflugsergebnisse dienten einer besseren Einschätzung des Gesamtbestands an überwinternden Tieren.

An allen Steinbrüchen wurden insgesamt 19 Netzfänge durchgeführt, 10 in der Schwärm- und 9 in der Abwanderungszeit (Abb. 2). Die Fänge fanden zwischen der Abenddämmerung und den frühen Morgenstunden statt und dienten neben der Ermittlung des Artenspektrums der Einschätzung der relativen Artverteilung des Überwinterungsbestands. Laut van Schaik et al. (2015) korreliert die relative Artverteilung bei Netzfängen zur Schwärmzeit mit der Artverteilung überwinternder Fledermäuse signifikant. Je Fangplatz wurden mehrere Netze (Länge: 5 – 12 m, Höhe: 5 m) im Flugbereich schwärmender Fledermäuse sowie vor auffälligen Gesteinsspalten aufgestellt. Aus Sicherheitsgründen war die Installation von Fangnetzen vor Quartierspalten in Steinbruch A nicht möglich. Der Fang erfolgte hier auf der Oberkante des Steinbruchs. Im Steinbruch B wurde an zwei Plätzen (B1, B2) gefangen, in Steinbruch C wurden beide Teilwände zu einem Fangplatz zusammengefasst. An jedem Tier erfolgte eine Untersuchung auf Sedimentspuren (vgl. Abb. 4) als Beleg für einen Quartieraufenthalt (Dietz et al. 2016). Zur Vermeidung von Doppelzählungen wurde jedes Tier mit Lackstift an den Krallen markiert und gefangene Tiere wurden auf diese Kurzzeitmarkierung untersucht.

Im Rahmen einer akustischen Dauererfassung wurde von Anfang August 2020 bis Ende April 2021 mit kalibrierten Geräten (batcorder, Fa. ecoObs) die Rufaktivität an den Steinbrüchen und Referenzquartieren erfasst (Abb. 23). Ziel war der Vergleich der Aktivitätsmuster an den Steinbrüchen mit denen an den Referenzquartieren. Mit Ausnahme des Referenzquartiers RE (Scheibenmikrofon an Wand mit Netzstrom) wurden alle batcorder in einer an einem Mast befestigten sog. Waldbox (Scheibenmikrofon mit Akku) untergebracht (Abb. 3). Weitere Angaben zur Ruferfassung sind Tab. 1 zu entnehmen.

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Abb. 2: Angewendete Untersuchungsmethoden im dreijährigen Projektverlauf. R = Referenzquartier.
Fig. 2: Research methods applied during the three-year project period. R = reference roost.
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Abb. 3: Methodenkombination aus Netzfang, Beobachtung mit der Wärmebildkamera und akustischer Dauererfassung (hier: sog. „Waldbox“ mit Mikrofon auf Mast).
Fig. 3: Method combination of mist netting, thermal camera observation and continuous acoustic detection (here: “Waldbox” with microphone installed on pole).
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Abb. 4: Am Steinbruch A in einer Gesteinsspalte überwinternde Teichfledermaus (Myotis dasycneme) mit Sedimentspuren.
Fig. 4: Pond bat (Myotis dasycneme) with sediment traces hibernating in rock crevice at quarry A.
Tab. 1: Erläuterungen zur akustischen Ruferfassung an den Steinbrüchen (A – D) und den Referenzquartieren (RE, RF).
Table 1: Information on the acoustic call recordings at the quarries (A – D) and the reference roosts (RE, RF).
Steinbrüche Referenzquartiere
A B C D RF RE
Quartiertyp
Steinbruch
Bachdurchlass
Brunnen
Anzahl batcorder (bc)
1
2
2
1
1
1
Bc-Einstellung
Quality = 20/threshold = − 27 Posttrigger = 600/critical frequency = 16
Untersuchungszeit Akustik
1.8. – 30.4.
30.8. – 30.4.
Erfassungszeit Akustik
Sonnenuntergang bis -aufgang
18:00 – 8:00 Uhr
Abstand bc-Mikrofon zum Überwinterungsquartier
10 m
10 m
10 m
2 m
10 m (im Durchlass)
2 m (neben Einflugfenster)

Akustische Daten der Steinbrüche B und C stammen jeweils von dem Erfassungsgerät mit der höheren Aktivität (B1, C1). Eine Vorauswertung ergab allein an den Steinbrüchen eine Summe von über 1 Mio. Rufaufnahmen. Aufgrund dieser Datenmenge und des prioritären Ziels des Nachweises eines typischen phänologischen Aktivitätsverlaufs unterirdisch überwinternder Fledermausarten wurde die Auswertung auf die Gattungen Myotis und Plecotus beschränkt. Ausschließlich an Arten dieser beiden Gattungen wurden Sedimentspuren festgestellt, ferner kommen sie in den bekannten Schwärm- und Winterquartieren der Region vor (Trappmann 2005; Echolot GbR, Naturschutzzentrum Kreis Coesfeld e. V. 2020) und überwintern in Spalten bzw. Höhlen (Dietz et al. 2016).

Alle Aufnahmen wurden mittels automatischer Rufauswertung (batIdent 1.5, ecoObs GmbH) analysiert. BatIdent vergleicht die Aufnahme mit Referenzparametern und ordnet sie einer Rufgruppe, Gattung oder Art zu, wobei mit Analysefehlern zu rechnen ist. Um die Fehlerrate zu reduzieren, wurden alle auf Art- bzw. Rufgruppenniveau bestimmten Aufnahmen auf Gattungsniveau zurückgesetzt. Aufnahmen, die nicht Myotis oder Plecotus zuordenbar waren, wurden von der weiteren Analyse ausgeschlossen. Um die Bestimmungssicherheit von batIdent abzuschätzen, wurde pro Steinbruch und Referenzstandort eine Stichprobe an Aufnahmen zufällig ausgewählt und manuell auf ihre korrekte Zuordnung überprüft (Tab. 2). Eine Nachbestimmung aller Aufnahmen war aufgrund der enormen Datenmenge nicht möglich. Aufgrund des hohen Anteils korrekter Stichproben (97 – 100 %, vgl. Tab. 2) ist davon auszugehen, dass die automatisch bestimmten Aufnahmen zuverlässig zugeordnet wurden. Somit ist anzunehmen, dass das Auftreten der beiden Gattungen im Jahresverlauf wahrheitsgetreu dargestellt wird. Zur Erstellung einer Artenliste erfolgte eine Überprüfung ausgewählter Rufaufnahmen auf Artniveau (Skiba 2009; Runkel et al. 2018; LfU 2020).

Tab. 2: Anzahl der Rufaufnahmen pro Standort und Ergebnisse der manuellen Stichprobenkontrolle der Rufaufnahmen.
Table 2: Number of call recordings per site and results of the manually controlled spot checks of the recording data.
Steinbrüche Referenzquartiere
Gattung A B1 C1 D Gesamt RF RE
Myotis
Gesamtzahl Aufnahmen
230.624
200.170
233.878
45.142
709.814
6.753
179.593
Anzahl Stichproben
501
464
521
248
1.734
 42
1.040
Anteil korrekter Stichproben in %
100
100
100
100
∅ 100
 100
100
Plecotus
Gesamtzahl Aufnahmen
215
716
34
4
969
 11
162
Anzahl Stichproben
54
64
29
4
151
 11
35
Anteil korrekter Stichproben in %
100
97
100
50
∅ 97
 100
100

Als Referenzquartiere wurden zwei Baumberger Winterquartiere mit unterschiedlichen Bestandsgrößen und ähnlichem Artenspektrum ausgewählt. Referenzquartier RE, ein Tiefbrunnen, hat einen aktuellen Überwinterungsbestand von ca. 1.000 Fledermäusen (eigene Lichtschrankendaten − Liba-16, Fa. ChiroTEC). Für RE liegen Netzfangergebnisse (ähnliche Anzahl gefangener Individuen, zusätzlich Angaben zum Artenspektrum) zwischen August und Oktober 2004 vor (Götz 2005). Ergänzend wurden im Herbst 2020 Zählungen schwärmender Tiere mit der Wärmebildkamera durchgeführt. Referenzquartier RF ist ein 20 m langer Bachdurchlass, in dem regelmäßig 5 – 15 Fledermäuse in Mauerspalten überwinternd gezählt werden (eigene Daten). Die Kenntnisse zu den Beständen an den Referenzquartieren wurden in Kombination mit den Wärmebildkamera-Zählungen, den nächtlichen Fangzahlen und den akustischen Aktivitätsverläufen zur Einschätzung der Bestandsgrößen an den Steinbrüchen mit herangezogen.

4 Ergebnisse und Diskussion

An allen Steinbrüchen wurden im Herbst konzentriert schwärmende (Abb. 5), ein- und ausfliegende sowie im Frühjahr abwandernde Fledermäuse festgestellt (Abb. 6). Laut Dietz, Kiefer (2020) zeigt das beobachtete Verhalten, dass Fledermäuse in den Gesteinsspalten übertagen und überwintern. Folgende Maximalzahlen zeitgleich an den Wänden schwärmender Tiere wurden im Herbst ermittelt: Steinbruch A: 25 – 50, Steinbruch B: 50 – 100, Steinbruch C: 20 – 25, Steinbruch D: 5 – 10 Individuen. Die Zahl schwärmender Fledermäuse an den Abbauwänden der Steinbrüche A, B und C lag in derselben Größenordnung wie die Zahl der Tiere im Referenzquartier RE (Überwinterungsbestand bis zu 1.000 Tiere), was als ein Hinweis auf ähnliche Bestandsgrößenordnungen gewertet wird.

4.1 Ergebnisse in den einzelnen Steinbrüchen

Im Steinbruch A schwärmten Fledermäuse konzentriert in zwei Bereichen mit klüftigem Gestein unter überhängenden Baumwurzeltellern (Abb. 1a), hier wurden regelmäßig Ein- und Ausflüge beobachtet. Im Winter wurde in einer Gesteinsspalte eine winterschlafende Teichfledermaus (Myotis dasycneme) entdeckt (Abb. 4).

In Steinbruch B konzentrierten sich schwärmende sowie ein- und ausfliegende Fledermäuse an zahlreichen Spalten der langen Abbauwand (Abb. 1b, Abb. 5). Im März wurde eine ruhende Wasserfledermaus (Myotis daubentonii) unter einem Gesteinsüberhang entdeckt.

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Abb. 5: Schwärmende Fledermäuse an Steinbruchwand B, aufgezeichnet von einer Wärmebildkamera.
(Foto: Naturschutzzentrum Kreis Coesfeld e. V./Echolot GbR)
Fig. 5: Bats swarming at quarry wall B, recorded by a thermal imaging camera.

Im Steinbruch C fiel an C1 ein Bereich mit zwei größeren Höhlungen auf, an denen während der Schwärmphase ein- und ausfliegende Fledermäuse beobachtet wurden und Fledermauskot gefunden wurde (Abb. 1c). Im Frühjahr verließen die Fledermäuse aus einer der Höhlungen ihr Winterquartier. An C2 schwärmten Tiere unterhalb eines Wurzeltellers und flogen dort im Frühjahr aus einer bodennahen Spalte aus (Abb. 6). Im Rahmen der insgesamt 26 systematisch über den Beobachtungszeitraum verteilten Stichproben mit Ausflugszählungen an zwei Wänden (C1 und C2) im Frühjahr 2021 wurden an 22 Terminen 88 abwandernde Fledermäuse ermittelt (Abb. 6), wobei an vier Abenden im Februar und März (3 Abende bei C1, 1 Abend bei C2) keine Ausflüge zu verzeichnen waren. Aufgrund art-, geschlechts- und altersspezifischer Abwanderungsverläufe (Meier et al. 2022) und unterschiedlicher Abhängigkeit von Witterungsverhältnissen (Koch et al. 2023) ist nicht von einem gleichmäßigen Ausflug der Fledermäuse aus ihrem Winterquartier auszugehen. Darüber hinaus könnten Einzeltiere nach ihrem Ausflug außerhalb der Beobachtungszeit in die Steinbruchwand zurückgekehrt und daher beim erneuten Verlassen doppelt erfasst worden sein. Dies kann zu einer Überschätzung führen. Es ist aber auch nicht auszuschließen, dass einzelne Fledermäuse erst nach mehr als drei Stunden nach Sonnenuntergang abwanderten und demnach verpasst wurden, was eine Unterschätzung bedeuten würde. Dennoch liefern die Ausflugszählungen eine gute Orientierung, die zu dem Schluss führt, dass in Steinbruch C mehrere hundert Fledermäuse überwinterten. Diese Größenordnung stimmt mit den durch die Netzfänge zur Schwärmzeit und anhand akustischer Erfassungen ermittelten Schätzungen gut überein.

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Abb. 6: Ergebnisse der stichprobenhaften Ausflugszählung von Fledermäusen am Steinbruch C im Winter/Frühjahr 2021.
Fig. 6: Results of spot checks counting bats that emerge from the walls of quarry C during winter/spring 2021.

Im Steinbruch D wurde auffälliges Schwärmverhalten unterhalb von zwei Wurzeltellern beobachtet. Fledermäuse flogen hier in von Wurzeln durchzogenen Gesteinsspalten ein und aus (Abb. 1d). Im Oktober, der Winterquartiereinwanderungszeit von Wasserfledermäusen (Meier et al. 2022), flogen an einer Spalte im Verlauf von drei Stunden 16 Individuen ein. Darüber hinaus flogen im Herbst zahlreiche Tiere oberhalb des Steinbruchs zielgerichtet durch den Wald, was als Transferflug zu oder von nahe gelegenen Winterquartieren in Brunnenschächten interpretiert wurde (Götz 2005; Echolot GbR, Naturschutzzentrum Kreis Coesfeld e. V. 2020).

4.2 Nachgewiesene Fledermausarten

In der Schwärmphase wurden in den Steinbrüchen im Rahmen von 10 Netzfängen insgesamt 774 Fledermäuse, darunter 32 markierte Tiere (4 %) gefangen. Dies ergibt eine Anzahl von 742 Individuen aus 9 Fledermausarten (Abb. 7):

    Wasserfledermaus (Myotis daubentonii) (43 %),

    Bechsteinfledermaus (M. bechsteinii) (24 %),

    Fransenfledermaus (M. nattereri) (18 %),

    Braunes Langohr (Plecotus auritus) (5 %),

    Teichfledermaus (M. dasycneme) (3 %),

    Große Bartfledermaus (M. brandtii) (3 %),

    Großes Mausohr (M. myotis) (2 %),

    Kleine Bartfledermaus (M. mystacinus) (1 %),

    Zwergfledermaus (Pipistrellus pipistrellus) (1 %).

Mit Ausnahme der Zwergfledermaus ist die Überwinterung der oben genannten Arten auch in anderen Baumberger Winterquartieren, inklusive des Referenzquartiers RE, bekannt (Pinno, Trappmann 2000; Götz 2005; Trappmann 2005; Echolot GbR, Naturschutzzentrum Kreis Coesfeld e. V. 2020). Der nächtliche Mittelwert gefangener Fledermausindividuen am Referenzquartier RE lag bei 55 (Abb. 7), wobei die Fangzahlen zwischen 17 und 99 Tieren schwankten (Götz 2005). Die nächtlichen Fangzahlen an den Steinbrüchen bewegten sich zwischen 25 und 205 Individuen (Abb. 7) mit einem Mittelwert von 70 Tieren. Die höchste nächtliche Fangzahl einer Art gelang für die Wasserfledermaus am Steinbruch A mit 108 Individuen, wobei am Referenzquartier RE zur selben Jahreszeit die Maximalzahl bei 48 Individuen dieser Art lag.

Auch basierend auf den Fangzahlen an den Steinbrüchen (∅ 70) und dem Referenzquartier RE (∅ 55) kann − mit Ausnahme von Steinbruch D − auf ähnliche Bestandsgrößenordnungen von mehreren hundert bis zu 1.000 Tieren je Steinbruch (A – C) geschlossen werden. Die zahlreichen oberhalb des Steinbruchs D gefangenen Fledermäuse wurden aufgrund ihres zielgerichteten Flugverhaltens als Tiere auf ihrem Transferweg gewertet (s. o.).

An Steinbruch B wurden Anfang September mit 27 Individuen besonders viele Braune Langohren nachgewiesen, wohingegen sie an den Baumberger Brunnen selten vorkommen (eigene Daten). In allen Steinbrüchen wurden einzelne Große Mausohren sowie mehrere Teichfledermäuse nachgewiesen, ähnlich ihrem Anteil an den Brunnen. Der Anteil gefangener Bechsteinfledermäuse war in Steinbruch A mit maximal 72 und in Steinbruch C mit 21 Individuen deutlich höher als an den Baumberger Brunnen, wo je Fangnacht 5 – 15 Individuen gefangen wurden (Götz 2005; Echolot GbR, Naturschutzzentrum Kreis Coesfeld e. V. 2020; eigene Daten).

In der Abwanderungsphase wurden im Rahmen von 9 Netzfängen 91 Tiere, darunter 6 markierte Fledermäuse (7 %), gefangen. Dies ergibt eine Anzahl von 85 Individuen aus 7 Arten. Der Fangerfolg lag zwischen einer und maximal 24 Fledermäusen pro Nacht (Abb. 7). Das Flugverhalten im Frühjahr unterschied sich deutlich von dem im Spätsommer/Herbst. Während die Tiere im Herbst ausgiebig umherflogen und vor den Abbruchwänden schwärmten, zogen sie im Frühjahr zügig und zielgerichtet aus den Steinbrüchen ab. Daher können die herbstlichen Fangzahlen mit denen des Frühjahrs nur eingeschränkt verglichen werden. Fransen- und Wasserfledermäuse dominierten insgesamt mit jeweils etwa 30 %, gefolgt von Braunen Langohren (21 %) und Bechsteinfledermäusen (11 %). Die Lage der Fangnetze auf der Steinbruchoberkante, offensichtlich außerhalb der Abflugwege, erklärt den geringen Fangerfolg in Steinbruch A im Frühjahr. Der vergleichsweise hohe Anteil Brauner Langohren (Abb. 7) gepaart mit auffälligen Soziallauten spricht für eine typische Frühjahrsbalz der Art (Pfeiffer, Mayer 2013) in Steinbruch B.

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Abb. 7: Prozentuale Anteile gefangener Fledermausindividuen nach Arten in den Steinbrüchen A − D während a) der Schwärmphase und b) der Abwanderungsphase. Für eine phänologische Übersicht wurden die Termine aus verschiedenen Jahren nach Tag und Monat sortiert. Die Zahlen über den Säulen geben die Anzahl gefangener Individuen wieder. Zum Vergleich sind bei a) Ergebnisse zehn phänologisch ähnlicher Netzfänge (Fä.) am Referenzquartier RE (Durchschnittswert) aus dem Jahr 2004 angefügt (Götz 2005).
Fig. 7: Percentage share of captured bat individuals by species in quarries A − D during a) the swarming period and b) the emerging period. For a phenological overview, the dates from different years were sorted by day and month. The numbers above the columns indicate the number of captured individuals. For comparison, results of ten phenologically similar mist-netting events (Fä.) at the reference roost RE (average value) in 2004 are attached in a) (Götz 2005).

In der Schwärmphase wurden 38 Fledermäuse mit Sedimentspuren festgestellt (5 %), im Frühjahr lag der Anteil bei 40 % (34 Individuen). Hiermit erfolgte der Beweis, dass die entsprechenden Arten in den Steinbrüchen übertagen und überwintern (van Schaik et al. 2015; Dietz et al. 2016; Dietz, Kiefer 2020). Bis auf die Zwergfledermaus wiesen alle Arten Spuren auf. Da eine Quartiernutzung von Felsspalten für Zwergfledermäuse bekannt ist (Dietz, Kiefer 2020; Andrews 2021), ist nicht auszuschließen, dass sie auch in den Steinbrüchen überwintern.

4.3 Aktivitätsverlauf

Der typische Aktivitätsverlauf von Fledermäusen der Gattungen Myotis und Plecotus an ihren Winterquartieren wird durch erhöhte Schwärmaktivität im Spätsommer und Herbst geprägt. Diese überlappt bis zum Jahresende mit der Einwanderung ins Winterquartier (Dietz et al. 2016; Dietz, Kiefer 2020). Fransenfledermäuse halten die Aktivität bis in den Dezember hoch (Trappmann 2005; Kohyt et al. 2016), da diese spät mit der Überwinterung beginnen(Meier et al 2022). Die Winteraktivität ist bis März deutlich reduziert, kommt aber selten vollständig zum Erliegen. So sind Fransenfledermäuse auch im Winter aktiv, um bei milden Temperaturen zu jagen (Hope et al. 2014). Ab Anfang März nimmt die Gesamtaktivität im Rahmen der Abwanderung wieder zu und hält bis Ende April an. Die mittels Lichtschranken (Liba-16, Fa. ChiroTEC) ermittelte Aktivität zeigt höhere Werte vor der Überwinterung im Vergleich zu Werten nach der Überwinterung (Trappmann 2005). Dieser typische Aktivitätsverlauf an Winterquartieren spiegelt sich in der akustischen Aktivität an den vier Steinbrüchen und den beiden Referenzquartieren deutlich wider (Abb. 8), wobei die hohe Winteraktivität an Steinbruch B und Referenzquartier RE zum vergleichsweise hohen Anteil nachgewiesener Fransenfledermäuse (Abb. 7) passt (van Schaik et al. 2015).

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Abb. 8: Rufaktivität der Gattungen Myotis und Plecotus von August 2020 bis Ende April 2021 an den Steinbrüchen (A – D) und den Referenzquartieren (RE, RF). Auf der x-Achse sind die Monate von August (08) bis Mai (05) aufgetragen, auf der y-Achse der Nachtverlauf von 17 Uhr bis 8 Uhr. Die grünen Linien stellen den Sonnenunter- und Sonnenaufgang dar, die Sprünge in den Linien markieren die Umstellung von Sommer- auf Winterzeit und umgekehrt. Die Rufaktivität im Nachtverlauf wird in Anzahl der Aufnahmen pro 5 min dargestellt. Die senkrechten Linien markieren Zeiten ohne Daten (Geräteausfälle).
Fig. 8: Calling activity of the genera Myotis and Plecotus from August 2020 to the end of April 2021 at the quarries (A – D) and reference roosts (RE, RF). The x-axis plots the months from August (08) to May (05), and the y-axis plots the nighttime variation from 5 pm to 8 am. The green lines indicate sunset and sunrise, the jumps in the lines mark the change from summer to winter time and vice versa. Nighttime call activity is shown in number of recordings per 5 min. The vertical lines indicate times with no data (equipment failures).

Die Rufaktivität im Nacht- und Jahresverlauf am Referenzquartier RE mit einem Bestand von bis zu 1.000 Individuen ist erwartungsgemäß deutlich höher als am Referenzquartier RF mit ca. 5 – 15 überwinternden Fledermäusen (Abb. 8). Die Ähnlichkeit der Rufaktivität in den Steinbrüchen A, B1 und C1 mit der an Referenzquartier RE spricht ebenfalls für ähnliche Bestandsgrößenordnungen mehrerer hundert bis 1.000 überwinternder Tiere. Auffällig ist in dem Zusammenhang eine höhere Frühjahrsaktivität an den Steinbrüchen A und B im Vergleich zum Referenzquartier RE.

Die Aktivität im Steinbruch D ähnelt mehr der des Referenzquartiers RF, wobei die vergleichsweise hohe spätsommerliche akustische Aktivität am Standort D nahen Transferflügen zuzuordnen ist (Götz 2005; Echolot GbR, Naturschutzzentrum Kreis Coesfeld e. V. 2020). Die deutlich geringere akustische Aktivität im späteren Herbst und im Frühjahr, die sich auch in der geringeren Anzahl schwärmender Individuen widerspiegelt, deutet auf eine kleine, eher dem Referenzquartier RF gleichende Bestandsgröße hin.

4.4 Weitere nachgewiesene Arten

Neben den eindeutigen Überwinterungsnachweisen für acht Arten wurden an den Steinbrüchen Rufe von Mopsfledermäusen, Großen Abendseglern, Kleinabendseglern (Nyctalus leisleri), Breitflügelfledermäusen und Mückenfledermäusen aufgezeichnet. Für diese Arten kann − vermutlich mit Ausnahme des Kleinabendseglers − eine Übertagung oder Überwinterung in Gesteinsspalten nicht ausgeschlossen werden (Dietz et al. 2016; Dietz, Kiefer 2020).

5 Naturschutzfachliche Bewertung und Fazit

Anhand der Bewertung aller Teilergebnisse lassen sich an den Steinbrüchen A, B und C Bestandsgrößen von jeweils mehreren hundert bis zu über 1.000 Individuen abschätzen. An Steinbruch D dürfte der Bestand deutlich geringer sein. Zusammenfassend wird von einer Anzahl von mindestens 2.000 schwärmenden und überwinternden Individuen aus acht Arten an den vier Steinbrüchen ausgegangen. Es wurde belegt, dass die untersuchten Steinbrüche bedeutende und artenreiche Schwärm- und Winterquartiere der Gattungen Myotis und Plecotus sind. Bisher war die winterliche Nutzung dieses Quartiertyps durch einzelne Tiere zwar für mehrere Arten beschrieben (Seiler, Grimm 1995; Zimmermann, Veith 1995; Wissing 1996; Dietz, Kiefer 2020; Andrews 2021), dessen hohe naturschutzfachliche Bedeutung für individuenreiche Fledermauspopulationen jedoch übersehen bzw. unterschätzt worden. Die Ergebnisse zeigen, dass Steinbruchwände die Ansprüche derselben acht Arten an ihre Winterquartiere erfüllen, wie die in der Region bekannten Tiefbrunnen. Entscheidend ist, dass in beiden Quartiertypen Spalten im Festgestein zur Verfügung stehen. Sowohl die Funktion als auch die besondere Bedeutung offener Steinbruchwände als arten- und individuenreiche Schwärm- und Winterquartiere von Fledermäusen werden hier zum ersten Mal umfänglich aufgezeigt.

In den Brunnen dominieren Fransenfledermäuse, gefolgt von Wasserfledermäusen. In den Steinbrüchen treten Fransenfledermäuse weniger deutlich in Erscheinung, der Wasserfledermausanteil ist in ähnlicher Größenordnung. Bisher wurden Braune Langohren vereinzelt in Baumberger Winterquartieren entdeckt, aus NRW wird ebenfalls über geringe Anzahlen in Winterquartieren berichtet (LANUV NRW 2023). Im Steinbruch B ist ein kopfstarkes Vorkommen Brauner Langohren zu vermuten, dass über bekannte Bestandsgrößen in NRW vermutlich weit hinausgeht.

Insbesondere der hohe Anteil an Bechsteinfledermäusen (24 %) lässt auf mehrere hundert überwinternde Individuen dieser FFH-Anhang-II-Art (Abb. 9) in den Steinbrüchen schließen, wobei der Steinbruch A mit einem landesweit bedeutenden Überwinterungsbestand der Art besonders hervorzuheben ist. Sowohl im Referenzquartier RE (10 %) als auch im FFH-Gebiet Brunnen Meyer (2 %) ist der Anteil überwinternder Bechsteinfledermäuse deutlich geringer (Götz 2005; Echolot GbR, Naturschutzzentrum Kreis Coesfeld e. V. 2020). Auch der Nachweis von Teichfledermäusen, ebenfalls eine FFH-Anhang-II-Art (Abb. 4), lässt auf eine hohe Relevanz des Quartiertyps schließen.

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Abb. 9: a) Wärmebild einer aus einer Steinbruchspalte abfliegenden Bechsteinfledermaus (Myotis bechsteinii), b) Bechsteinfledermaus.
(Fotos: a) Naturschutzzentrum Kreis Coesfeld e. V./Echolot GbR, b) Christian Giese)
Fig. 9: a) Thermal image of a Bechstein's bat (Myotis bechsteinii) emerging from a quarry wall crevice, b) Bechstein's bat.

Fledermausquartiere in Steinbrüchen dürften insbesondere durch Verfüllung oder Wiederaufnahme von Abbauaktivitäten gefährdet sein. Daher muss vor geplanten Eingriffen in Steinbrüchen, aber auch bei bereits genehmigten Verfüllungen, eine Quartiernutzung ausgeschlossen werden, um ein Eintreten von Verbotstatbeständen des § 44 Bundesnaturschutzgesetz (BNatSchG) ausschließen zu können.

Um erste Erkenntnisse über das Vorhandensein von Winterquartieren zu erhalten, wird eine Untersuchung von Steinbruchwänden mit einer hochauflösenden Wärmebildkamera – ggf. kombiniert mit akustischem Monitoring – in der Schwärmphase empfohlen. Bei festgestellter Schwärmaktivität ist die Anwendung einer Methodenkombination zur Beantwortung weiterer Fragen (z. B. Artenspektrum und -verteilung) notwendig. Eine Einschätzung von Bestandsgrößen ist durch einen Vergleich mit Referenzquartieren oder mit aufwändigen Ausflugsbeobachtungen im Frühjahr möglich.

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Förderung und Dank

Wir bedanken uns für die finanzielle Förderung der Bezirksregierung Münster aus Mitteln der Förderrichtlinie Naturschutz (FöNa) des Ministeriums für Umwelt, Landwirtschaft, Naturschutz und Verbraucherschutz des Landes NRW. Bei der Unteren Naturschutzbehörde Kreis Coesfeld bedanken wir uns für die artenschutzrechtliche Ausnahmegenehmigung und die Betretungserlaubnis der Naturschutzgebiete, bei den Flächeneigentümerinnen und -eigentümern für die Erlaubnis zur Betretung ihrer Flächen. Den an der Datenerhebung beteiligten Personen danken wir für ihren tatkräftigen Einsatz.

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Dipl.-Landschaftsökol. Frauke Meier

Korrespondierende Autorin

Echolot GbR − Büro für Fledermauskunde, Landschaftsökologie und Umweltbildung

Eulerstraße 12

48155 Münster

E-Mail: f.meier@buero-echolot.de

Die Autorin studierte Diplom-Landschaftsökologie an der Universität Münster. Sie beschäftigt sich seit dem Studium intensiv mit der Fledermauskunde und gründete zusammen mit Kolleginnen und Kollegen das Kartierungsbüro Echolot GbR. Sie erforscht derzeit als Doktorandin und langfristig mit der Arbeitsgruppe für angewandte Zoologie und Naturschutz der Universität Greifswald u. a. das individuelle Verhalten zweier Fledermausarten an ihren Winterquartieren im Kreis Coesfeld. Dort erhebt sie in enger Zusammenarbeit mit dem Naturschutzzentrum Kreis Coesfeld e. V. fledermauskundliche Grundlagendaten zur Umsetzung von Naturschutzmaßnahmen, betreut Quartiere und unterstützt Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Naturschutzzentrums mit fachlicher Beratung. In den Steinbrüchen führte sie Netzfänge und Verhaltensbeobachtungen durch. In Zukunft wird gemeinsam nach weiteren Fledermausvorkommen in Steinbrüchen gesucht, um diese bei Bedarf für eine Besiedelung zu optimieren.

NuL_11_2023_Meier_Vita.jpg

Dipl.-Landschaftsökol. Guido Gerding

Echolot GbR − Büro für Fledermauskunde, Landschaftsökologie und Umweltbildung

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Dr. rer. nat. Veronika Zeus

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Dipl.-Landschaftsökol. Matthias Olthoff

Naturschutzzentrum Kreis Coesfeld e. V.

Am Hagenbach 11

48301 Nottuln-Darup

E-Mail: matthias.olthoff@naturschutzzentrum-coesfeld.de

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